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Lachen, füttern, windeln ...

 

Leo Cihlar: Alzheimer – ein Abschied auf Raten

 

 

 

 

Vorwort

 

Nach einer Reihe verstörender Vorkommnisse wird bei der Mutter die schockierende Diagnose gestellt: Demenz vom Typ Alzheimer. Sie bleibt ahnungslos, der Sohn weiß, dass dies der Beginn eines lang­samen Abschieds auf Raten sein wird. Und er be­schließt, die­sen Abschied aufzuzeichnen. Dieses Buch soll ei­nes keinesfalls sein – eine dieser traurigen und niederziehenden Alzheimererzählungen, von denen es bereits einige gibt. Ohne den Ernst des The­mas zu vernachlässigen, sollen gerade auch jene vie­len heiteren Seiten aufgezeigt werden, die diese Erkrankung zeitweilig mit sich bringen und die dem Angehörigen ver­mitteln sollen, dass sich durchaus auch neue, positive Perspektiven eröffnen können.

 

Die sehr persönliche Erzählung beginnt mit ersten kleinen Irritationen, die man als Angehöriger zunächst gerne verdrängt und keines­wegs wahrhaben will. Vater und Sohn sind anfangs nicht sonderlich besorgt, wenn etwas nicht ganz „nor­mal“ läuft. Denn: Was ist schon normal? Doch immer häufiger kommt es zu kuriosen Erlebnissen, die ver­wundern, verstören und über die man dennoch schmunzeln oder sogar herzhaft lachen kann – bis die Erkrankung der Mutter schließlich soweit fortgeschritten ist, dass die Beantragung von Pflegestufen und eine Unterbringung in einem Pflegeheim unausweichlich sind. Aber auch dabei bleibt der Humor in dieser Erzählung nicht auf der Strecke: Ein geeignetes Heim zu finden – das besitzt durchaus einen ebenso hohen Unterhaltungs­wert wie das „überforderte Pflegesystem“, das letztlich an Profitgier und staatlichem Desinteresse scheitert.

 

Diese Erzählung will den dramatischen Verlauf einer solchen Erkrankung zwar nicht bagatellisieren, ihn jedoch mit der notwendigen Portion Humor relativieren. So soll letztlich den betroffenen Angehörigen eine kleine Hilfestellung für einen Abschied auf Raten gegeben werden.

 

 

 

(Teil 1)

 

 

 

 

Life is a mountain not a beach

 

Packt man es richtig an, bieten sowohl Höhen wie auch Tiefen des Lebens einen unendlich positiven Erfahrungsschatz. Oscar Wilde sagte einmal: „Gib dem Leid Ausdruck und es wächst Dir ans Herz. Gib der Freude Ausdruck und sie versetzt dich in Taumel.“ So wird man am Ende, wenn Freude und Glück aufgebraucht sind und schließlich Krankheit, Siechtum und Tod auf der Agenda stehen, sagen können: Ja, es war ein gutes Leben – trotz allem. Vielleicht liegt der Reiz ja gerade darin, dass die Perfektion fehlt. Wie langweilig muss etwas sein, das sich komplett beherrschen lässt, das keinen Spielraum mehr bietet für Unwägbarkeiten, für Zweifel und die fragwürdigen Chancen, sich immer wieder neu entscheiden zu können. Oder zu dürfen. Oder zu müssen.

Life is a mountain not a beach – es gibt auf dem langen und oft verschlungenen Weg vom Anfang bis zum Ende viele Berge, die man immer wieder erklimmen muss und die nicht nur einem selbst, sondern auch Menschen, die einem nahe stehen, alle Kraft abverlangen.

Aber wer sagt denn, dass das Leben einfach sein muss!

 

 

Segnung oder Fluch?

 

Es wird geschätzt, dass in Deutschland rund 1,5 Millionen und weltweit mehr als 25 Millionen Menschen an Alzheimer erkrankt sind. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten dürfte die Zahl der Erkrankten weiterhin dramatisch ansteigen, alleine bis 2050 soll sie sich verdoppeln. In Deutschland sind es jährlich etwa 40.000 Betroffene, die langsam aber sicher ihren Geist aufgeben und jegliche Kontrolle über sich selbst verlieren und im Endstadium schließlich gefüttert und gewindelt werden müssen.

Heute sind nach offiziellen Zahlen etwa 20 Prozent aller Deutschen 65 Jahre und älter. Und genau das ist der Punkt: Die Menschen werden einfach immer älter, der Homo Sapiens bleibt dank den Segnungen der medizi­nischen Wissenschaft derzeit und wohl auch in der nahen Zukunft körperlich immer länger fit und gesund. Über 70-Jährige, die am Triathlon in Hawaii teilnehmen, 80-jährige Marathonläufer und 90-Jährige, die mit der Anzahl ihrer Klimmzüge so manch jüngere Couch-Potatoes blass aussehen lassen – das ist heute keine Seltenheit mehr.

Segnung oder Fluch? Menschen erreichen inzwischen ein Durchschnittsal­ter von knapp achtzig Jahren, nur leider spielt in vielen Fällen das Gehirn, bei ansteigendem Alter eine der großen Schwachstellen unseres Körpers, dabei nicht mit. Eine weitere Baustelle: die Zähne. Bekanntlich leidet man, wenn man sie kriegt, wenn man sie hat und wenn man sie verliert. Unser Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe, der schon früh nahezu aller Beisserchen verlustig geworden war und Zeit seines Lebens mit Sicherheit unter höllischen Zahnschmerzen litt, könnte davon ein Lied singen. Aber das ist, um mit Thomas Mann zu sprechen, eine andere Geschichte.

Fest steht, dass die heute sehr hohe Lebenserwartung überwiegend verantwortlich ist für die beständige Zunahme von Demenzerkrankungen. Doch die Frage sei erlaubt, ob es früher, als diese Art der Erkrankung noch nicht erforscht und bekannt war und deshalb keinen Namen hatte, denn bes­ser war? Im Vertrauen: keine Spur!

Gut, das kennen wir ja: Früher war immer alles besser, früher, in der so genannten „guten alten Zeit“. Aber wann, bitte, war die eigentlich? Im Rückblick immer, zu jeder Zeit. Menschen neigen offenbar dazu, Vergangenes im Leben zu glorifizieren oder das Erlebte, mag es auch weniger schön und manchmal sogar besonders schwer gewesen sein, in der Erinnerung als gar nicht so schlecht oder wenigstens akzeptabel zu empfinden. Die Frage sei erlaubt, ob die Erinnerung wirklich das einzige Paradies ist, aus dem wir nicht vertrieben werden können?

 

Warum uns das Vergangene so lieblich dünkt? Aus demselben Grunde, warum eine Graswiese mit Blumen aus der Entfernung ein Blumenbeet scheint.“ Ja, ja, der alter Grillparzer hatte schon recht.

 

Gönnen wir uns einen kleinen historischen Rückblick. Eine schulmedizinische Erfahrung gab es im Mittelalter noch nicht, zu den Heilmethoden zählten unter anderem Aderlass, Astrologie, Kräuter – und Überlieferungen des griechischen Arztes Hippokrates sowie seines römischen Kollegen Galen. Die Menschen wurden damals im Durchschnitt noch nicht einmal ein Drittel so alt wie heute, hatten dafür allerdings das Privileg, bei klarem Verstand erleben zu können, wie sie von Obrigkeiten zu Tode gequält, in irgendeinem Bauernkrieg gemeuchelt, der Ketzerei bezichtigt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt, von Pest und Cholera oder einem schlichten Husten und zumeist auch noch zahnlos dahingerafft wurden.

Großer Wert wurde in den frühesten Anfängen der modernen Medizin auch auf das ausgewogene Verhältnis der vier Körpersäfte des Menschen gelegt: Blut, Schleim, Gelbe und Schwarze Galle. Körpersäfte! Vermutlich schien das zu der damaligen Zeit bei ernsthaften Krankheiten so hilfreich gewesen zu sein wie in der heutigen die Homöopathie.

Man mag es sich ja gar nicht vorstellen: Ein simples Furunkel in der Sitzfalte des Hinterns, das sich zu einer furchtbar schmerzhaften, eitrigen Entzündung entwickelt, dazu üble hygienische Umstände und eine mangelhafte Ernährung; ein Quacksalber ver­ordnet Spitzwegerich-Tee (gegen Husten), weshalb in der Folge der Eiter munter weiter ei­tert. Dann plötzlich hohes Fieber, der Medizinmann verordnet Anis-Tee (gegen Husten und Blähungen, weil das zunächst harmlose Furunkel, das inzwischen die Größe einer Aprikose erreichte, ja irgendwo in jener Nähe sitzt, bei der auch Blähungen ihre temporären Erlösungen finden) – und plötzlich: Exitus! Natürlich wurde vorher auch noch die Ausgewogenheit der vier Körpersäfte gecheckt.

 

Oder sehen wir nach Groß Tuchen, ins Jahr 1870. Sie kennen Groß Tuchen nicht? Den Ort in der westpolnischen Woiwodschaft Pommern, der heute Tuchomie heißt? Jetzt werden Sie sicher sagen: Ach so, na klar – Tuchomie, kenn’ ich doch. Aber ich glaube Ihnen kein Wort. Jedenfalls ist in den dortigen Kirchenbüchern nachzulesen: Sechzig Prozent der Kinder überlebten in den Siebzigern des 19. Jahrhunderts das vierzehnte Lebensjahr nicht, nur rund zehn Prozent der Menschen wurden älter als fünfundsechzig, die meisten, etwa ein Fünftel, starben an Krämpfen, selten an Altersschwäche. Alles ganz normal damals. In Groß Tuchen und anderswo. Nirgendwo ist auch nur eine Zeile darüber nachzulesen, dass jemand an Demenz starb. Der Tod setzte früher andere Prioritäten, er erschien in jüngeren Jahren und kam deutlich entschiedener zur Sache. Für Demenz gab es keine Gelegenheiten.

 

Goethe sah den Tod übrigens locker: „Mich lässt der Gedanke an den Tod in völliger Ruhe, denn ich habe die feste Überzeugung, daß unser Geist ein Wesen ist von ganz unzerstörbarer Natur: es ist ein fortwirkendes von Ewigkeit zu Ewigkeit. Es ist der Sonne ähnlich, die bloß unseren irdischen Augen unterzugehen scheint, die aber eigentlich nie untergeht, sondern unaufhörlich leuchtet.“

Was auch immer es mit dem unaufhörlichen Fortleuchten auf sich haben mag: Früher in jungen Jahren bei klarem Verstand dahingerafft, oder heute einige angstfreie Jahrzehnte länger auf dem Buckel, leider immer mit der Aussicht, dass das Gehirn am Schluss nicht mehr mitspielt – nun mag jeder für sich entscheiden, in welcher Zeit er denn gerne gelebt oder fortgeleuchtet hätte.

 

Teil 2 folgt am 15. Februar

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