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Teil 2: Lachen, füttern, windeln ...

 

 

 

 

 

 

 

Heute – das ist dein Leben

 

Ob Demenz oder Alzheimer – für die meisten von uns ist die Definition dieser unheilbaren Gehirnerkrankung, bei der zunächst Zellen bestimmter Gehirnregionen nicht mehr einwandfrei funktionieren und schließlich ganz absterben, eher ein und dasselbe. Leidet einer an Demenz, dann hat er eben Alzheimer. Oder umgekehrt. Der Alzheimerkranke ist dement. Fragen Sie einmal jemanden nach dem Unterschied zwischen Demenz und Alzheimer. Sie werden eine schwammige und keineswegs klare Antwort erhalten. Und falls einmal Sie von jemandem gefragt werden, worin sich die beiden Begriffe denn letztlich unterscheiden, hier der kurze und zutreffende Hinweis: Alzheimer ist die am weitesten verbreitete Ursache einer Demenz. Aber genau genommen ist, wenn jemand seinen Geist aufgibt, der entsprechende terminus technicus ja auch egal.

Doch ob man das nun genau erklären kann oder nicht: Am Ende läuft es immer auf dasselbe hinaus – auf einen mehr oder weniger langen Abschied auf Raten von ei­nem geliebten Menschen, der sich über die Zeit hinweg hinweg selbst verliert, der einen jedoch, bis die endgültige und erklärende Diagnose gestellt wurde, zunächst irritiert und verunsichert und manchmal durch seine unerklärlichen Verhaltensweisen sogar verärgert. Bis man endlich die Ursache der veränderten Persönlichkeitsstruktur begriffen hat.

Zu Beginn der Erkrankung erlebt man nur ein kleines, flüchtig hingehauchtes Adieu aus der Realität, dem zunächst immer wieder kurze Wiedersehen folgen; doch dann werden die Trennungen länger und länger, bis es irgendwann kein Erkennen und keine Erinnerun­gen mehr gibt und der Abschied endgültig vollzogen wurde.

 

Zweifellos sind solche Abschiede schmerzhaft. Und anfangs, wenn die Diagnose gestellt wird, einfach nur schockierend – nicht nur für jene Betroffenen, die im Frühstadium temporär oft selbst noch begreifen, dass bei ihnen etwas aus dem Ruder läuft, sondern eben auch für Angehörige und Freunde, die miterleben müssen, wie aus einem einst so gesunden, fröhlichen und tatkräftigen Menschen ein zunehmend bedauernswertes Bündel wird.

Das Schlimme daran: Man ist hilflos. Emanuel Schikaneder, der unter anderem auch das Libretto zur „Zauberflöte“ verfasste, schrieb den Satz: „Ich kann nichts tun als dich beklagen, weil ich zu schwach zum Helfen bin.“ Hilflosigkeit und Schwäche – das sind die beiden Eckpunkte, die den an Alzheimer Erkrankten ebenso betreffen wie dessen Angehörige.

 

In diesem Buch wird ein Abschied auf Raten beschrieben – der Abschied meiner Mutter. Viele Begebenheiten habe ich selbst erlebt, in einer umfangreichen Agenda notiert und teilweise auf Band aufgezeichnet. Der Rest stammt aus Erzählungen meines Vaters und wurde auch durch Recherchen bei Bekannten, Freunden und Familienangehörigen rekonstruiert.

Eines soll und darf dieses Buch keinesfalls sein: eine dieser traurigen, ungemein niederziehenden Alzheimer-Erzählungen, wie es bereits einige davon gibt. Meine Mutter hätte sich das energisch verbeten und, würde sie darüber noch urteilen können, im Gegenteil darauf bestanden, gerade jene heiteren Seiten aufzuzeigen, die man einem solchen Abschied abgewinnen kann und die ihn vielleicht etwas leichter machen und neue Perspektiven dafür eröffnen, wie man auch als Angehöriger mit einer solchen Erkrankung durchaus positiv umgehen kann und, wenn man dabei in großen Zügen auch mitleidet, nicht gleich gänzlich verzweifeln muss.

Im Fortschreiten dieses genau genommen unwürdigen Leidens gibt es – für Betroffene ebenso wie für „Mit-Erleber“ – unsagbar viele Momente, in denen man oft leise und verständnisvoll schmunzeln, manchmal sogar herzhaft lachen kann und letztlich unendlich dankbar ist für all die Erfahrungen, die man dabei machen darf.

Ich habe im Verlauf der Erkrankung meiner Mutter sogar gelernt, über einige wenige Alzheimerwitze zu lachen. Wie etwa über diesen: Der schönste Spruch, der je auf den Grabstein von Alois Alzheimer (Entdecker der gleichnamigen Erkrankung) gesprüht wurde? „Alois, wir werden dich nie vergessen.“

 

Als meine Mutter noch gesund war, sagte sie einmal zu mir: „Die Sache mit den Tränen ist doch merkwürdig. Sie kommen einem beim Lachen ebenso wie beim Weinen. Ich habe mich deshalb entschlossen, lieber beim Lachen zu weinen als umgekehrt. Aber egal, letztlich nehme ich es doch so, wie es gerade kommt.“

Natürlich liegt das alles ganz nahe beieinander, denn ob man nun Freudentränen weint, vor lauter Lachen in Tränen ausbricht, eine furchtbare Nachricht oder außergewöhnlich emotionale Situationen einem die Tränen in die Augen treiben – es ist letztlich immer nur dieser eine spontane Gefühlsausdruck, der das bewerkstelligt. Dabei genügen oft schon kleine Anlässe, um aus Rührung die Augen feucht werden zu lassen.

Film- und Fernsehschmonzetten, in denen die Tränen fließen, lassen mich beispielsweise völlig kalt – vor allem dann, wenn die Hauptdarstellerin Veronica Ferres heißt, wenn sie so unbegabt dramatisch guckt und ihr die Tränen kreuzweise über die Backen laufen. Das regt mich normalerweise im besten Fall zum Schmunzeln an, meist aber zum Switchen. Aber auf den anderen Sender ist es ja auch nicht besser.

Also wechseln wir vom TV-Gesülze in die Realität, und da gibt es vieles, was Menschen, die ihr Herz nicht völlig abgeschottet haben, eine ordentliche Portion Rührung inklusive feuchter Augen beschert. Oder eine richtige Erschütterung, bei der die Tränen nur so fließen und du absolut nichts dagegen tun kannst – weil du einfach hilflos ausgeliefert bist und es dich nur so schüttelt.

Ich habe genau das einmal in Rio de Janeiro erlebt, in einem privat geleiteten Waisenhaus – als ich einen kleinen, dreijährigen Jungen auf den Arm nahm, der seine Ärmchen um meinen Hals schlang und sich an mich drückte und mich gar nicht mehr loslassen wollte.

 

Das letzte Buch des großen Kurt Tucholsky trug den Titel „Lerne lachen ohne zu weinen“. Und er hat darin unter anderem auch jenen wundervollen Satz geschrieben: „Erwarte nichts. Heute: das ist dein Leben.“ Eine perfekte Voraussetzung, um dieses Buch zu verstehen und, bei aller Ernsthaftigkeit des Themas, auch lachen oder wenigstens schmunzeln zu können, ohne gleich weinen zu müssen.

 

 

Dunkle Schatten

 

Seit meine Mutter an Alzheimer erkrankt ist, frage ich mich häufig, weshalb ich sie eigentlich immer nur Mami, manchmal auch Mutschgerl, Mumme oder Mom nenne, nie aber Mutti oder Mama oder gar Mutter. Selbst in meiner Kindheit war das Wort Mutti für mich ein Unwort, einfach zu deutsch. Mami und Mutschgerl gingen gerade noch so.

Sie erzählte mir einmal, dass ich etwa acht Jahre alt war, als ich eines Tages zu ihr sagte: „Ich nenne dich vorläufig noch Mami, bis mir etwas besseres einfällt.“ Offensichtlich war ich damals auf der Suche nach einem Namen, der sie als liebevolle Mutter abseits der üblichen Mutter-Begriffe wirklich treffend charakterisierte. Ich war ja nie ein einfacher Sohn, aber ich denke, dass ihr das damals schon gefallen hat. Einen endgültigen Namen habe ich nie gefunden. Und ich frage mich, weshalb ich ausgerechnet jetzt immer wieder darüber nachdenke. Doch wie auch immer ich sie nenne – es ist ja im Zusammenhang mit ihrer Erkrankung von keinerlei Bedeutung.

Als sie noch gesund ist, gibt es keine Missverständnisse. Spreche ich sie mit „Mamile“ an, lächelt sie nachsichtig und fragt spontan: „Was willst du?“ Wenn sie besonders gut drauf ist, fügt sie noch das Wort „Schleimer“ hinzu. Obwohl sie da schon genau weiß, was ich gerne hätte: einen frischen Mohnstrudel, einen Kaiserschmarr'n oder – an Weihnachten – die unvergleichlichen Vanillegipferl.

 

Bei der Suche nach Informationen und Erklärungen zur Erkrankung meiner Mutter bin ich bei Google unter anderem auch auf jenen Satz gestoßen: „Mütter tragen ihre Kinder durch den Morgen, Kinder tragen ihre Mütter durch den Abend.“ Ich habe sie am Abend ihres Lebens sehr intensiv begleitet.

 

Die ersten in einer Reihe vieler dunkler Schatten bekommen weder mein Vater noch ich zu Beginn so richtig mit. Nur kleine Irritationen sind da zunächst festzustellen, wenn Mutter sich wieder einmal nicht erinnert, was sie eigentlich im Badezimmer wollte, wo sie die Haus­schlüssel hingelegt hat, wenn ihr sonst geläufige Namen partout nicht einfallen wollen oder wenn sie eine Geschichte kurz hintereinander zum zweiten Mal erzählt, vorsichtshalber immer eingeleitet mit der Floskel: „Hab' ich euch das eigentlich schon erzählt?“.

Aber passiert das nicht jedem von uns? Und ist das im gesetzteren Alter nicht nahezu normal? Das Gedächtnis ist leider keine Bank, in der – in diesem Fall – geistiges Kapital auf lange Zeit todsicher angelegt werden kann; irgendwann muss man feststellen, dass die Investition eher für ein kleines Sparschweinchen reicht, das plötzlich auch noch vor der Zeit geschlachtet werden muss.

Arthur Schopenhauer hat das natürlich wesentlich besser ausgedrückt: „Unser Gedächtnis gleicht einem Siebe, dessen Löcher anfangs klein, wenig durchfallen lassen, jedoch immer größer werden und endlich so groß sind, dass das Hineingeworfene fast alles durchfällt.“ Ach Arthur, das mit dem Sieb ist ein toller Vergleich. Und er wäre mir – ein Sieb in diesem Zusammenhang ist ja nun naheliegend – sicher auch irgendwann eingefallen. Aber du warst nun mal der Erste, der davon sprach. Akzeptiert.

 

Ich merke auch an mir, dass das Gedächtnis mitunter ein ziemlich launisches und kapriziöses Teil ist. Manchmal fallen mir irgendwelche Namen einfach nicht ein. Eben habe ich sie noch gewusst, doch als ich danach gefragt werde – wie vom Winde verweht. Beruhigend nur, dass das bei mir nicht erst im höheren Lebensalter auftrat, sondern auch früher, in jungen Jahren schon so war und ich mir später auch noch vornahm, mir nun wirklich nicht mehr alle Namen von Leuten merken zu wollen, die aus vielerlei Gründen in meiner Lebensagenda einfach zu selten vorkamen oder aus bestimmten Gründen darin auch keinen Platz mehr einnehmen sollten. Das ist dann wohl so ein Mittelding zwischen vergessen wollen und verdrängen.

Die Festplatte in meinem Gehirn hat schließlich keine unbegrenzte Speicherkapazität, und deshalb weigere ich mich konsequent, sie mit unnötigen Daten, oder anders gesagt: Adressen von Langweilern und Idioten, vollzustopfen. Wobei die jüngsten Einträge natürlich alle jederzeit gut abrufbar sind.

In einem schlauen Magazin habe ich einmal den Aphorismus gelesen: „Man kann auch Déjà-vu und Amnesie zugleich haben: Genau das habe ich irgendwann schon mal genauso vergessen.“ Himmlisch.

 

Teil 3 folgt am 20. Februar

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