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Teil 3: Lachen, füttern, windeln ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Februar 2003: Kleine Irritationen

 

Doch zurück zu Mutter. Zunächst also gibt es da nur kleine Irritationen. Aber ech­te Bedenken? Nein. Im Nachhinein muss ich allerdings zugeben, dass in der ersten Zeit neben gewissen Zweifeln auch das Verdrängen eine große Rolle spielte. Man ist ja informiert, man liest ja. Und man liest auch über aktuelle Themen wie Demenz und Alzheimer und erste Sym­ptome und wie man – natürlich völlig aussichtslos – dagegen anzusteuern versuchen kann.

Es ist einfach so: Zunächst will man, entweder als Betroffener selbst oder als Angehöriger, davon nichts wissen, diese Irritationen am liebsten verdrängen und keineswegs wahrhaben. Vor allem dann, wenn die Aussetzer kurz sind und die klaren, hellen Momente immer noch deutlich überwiegen. Außerdem ist es ja eine sehr menschliche Eigenschaft zu glauben, dass man selbst von den schlimmen Momenten des Lebens verschont bleibt und immer nur die anderen davon betroffen sind.

 

Es fängt ja alles so harmlos an. Vater erzählt mir, dass es Mutter manchmal schwer fällt, zwei Schalter und einen Druckknopf an der Waschmaschine folgerichtig zu bedienen. Doch Mutter ist siebenundsiebzig, da darf man beim technischen Know-how schon mal locker einige Gänge zurückschalten. Und außerdem: In diesem Alter muss man ja auch nicht mehr alles wissen – wenngleich für die Bedienung einer Waschmaschine nicht unbedingt eine geistige Höchstleistung erforderlich ist.

Also nochmal, Mutter: zwei Schalter und ein Druckknopf, einer für die Temperatur, einer für den entsprechenden Waschgang inklusive Schleudern, und dann der Knopf, mit dem das Waschpro­gramm startet. Und wenn der Waschgang beendet ist, musst du nur noch an diesem klei­nen Griff ziehen, der den runden Frontteil entriegelt, dann kannst du die Wäsche wieder her­ausholen.

Vater erklärt es ihr immer wieder, ich erkläre es ihr immer wieder – und sie antwortet immer wie­der: „Haltet ihr mich für dumm?“ Und dann dreht sie an den falschen Schaltern und weiß nicht, wann nun eigentlich der Knopf gedrückt und der kleine Griff gezogen werden muss. Aber in technischer Hinsicht war sie ohnehin immer reichlich unbeholfen. Und deshalb fällt ihre mangelnde Begabung bei der Bedienung einer Waschmaschine zunächst auch nicht weiter auf.

Vater sagt in seiner grenzenlosen Güte und anfänglichen Ahnungslosigkeit: „Ist sie nicht wunderbar? Keine Ahnung von Technik, aber ich liebe sie trotzdem. Du musst sie erst mal se­hen, wenn sie die Geschirrspülmaschine einräumt.“

Was vielleicht ein wenig zynisch klingen mag, ist sicher nur liebevoll gemeint. Obwohl: Als Vater mir das erzählt, trommelt er in einem undefi­nierbaren Rhythmus mit den Fingern auf die Platte des Küchentisches. Vielleicht das Signal für den Beginn einer kleinen Unsicherheit und Ungeduld?

 

Bei einem meiner Besuche beobachte ich also meine Mutter dabei, wie sie die Geschirrspülmaschi­ne einräumt. Und es ist unübersehbar, dass sie, manchmal mit einem Kopfschütteln, immer nach einer alphabetischen Reihenfolge sucht, wenn sie Teller, Tassen oder Besteck einsor­tiert. G wie Gabel natürlich vor L wie Löffel; K wie Kaffeetasse auf alle Fälle vor S wie Sup­penteller. Es muss ja alles seine Ordnung haben. Aber leider klappt es nicht.

Dass dann alles kreuz und quer in der Maschine liegt, veranlasst mich zu der Frage: „Weshalb hast du eigentlich so lan­ge sortiert?“ Es liegt jetzt ja doch alles völlig durcheinander.

Ich wollte einfach nur Ordnung reinbringen“, antwortet sie strahlend. „Ordnung ist das halbe Leben.“

Ja, Mutter, toller Spruch. Und so kenne ich dich auch. Ordnung ist für dich die Seele aller Dinge, eine Art Struktur, mit der du deine Angst vor Unwägbarkeiten und die im Ansatz vielleicht schon spürbare Unordnung in dir selbst zu besiegen versuchst. Aber trotzdem verstehe ich nicht, weshalb du nun eine gefühlte Ewigkeit lang sortiert und sortiert hast – ohne jeglichen Erfolg.

Allerdings hast du eine weitere Eigenart, die ich ebenfalls schon seit langem kenne: Es schadet natürlich nicht, Tassen und Teller oder sonstiges Geschirr, bevor man sie in die Maschine einsor­tiert, noch gründlich und ausdauernd und mit viel Spülmittel unter dem heißen Hahn zu säubern, um sie dann blitzsauber in die Maschine zu legen. Und sie danach, wenn der Spül- und Trockenvorgang beendet ist, noch mal ordentlich abzutrocknen, obwohl sie bereits getrocknet sind. Sinn macht das Ganze natürlich nicht.

Aber so bist du eben, du überlässt nichts dem Zufall einer modernen Küchentechnik, die dir deine Arbeit eigentlich erleichtern sollte. Manchmal frage ich mich, wofür du solche Teufelswerke wie Geschirrspül- oder Waschmaschinen überhaupt brauchst.

Mami ist schon sehr speziell“, sage ich einmal lachend zu Vater.

So war sie immer“, antwortet er. „Immer. Sie ist ein Controller, alles wird doppelt geprüft, doppelt gewienert. Vielleicht hat genau das diese perfekte Ordnung in un­ser Leben gebracht. Und deshalb kann uns auch keine Wasch- oder Geschirrspülmaschine aus dem Takt bringen.“

 

 

März 2003: Kompensierung der inneren Unordnung

 

Wie gesagt: Damals, im Juli 2003, macht sich darüber noch keiner von uns wirklich ernst­hafte Gedanken, weshalb Mutter G vor L und K vor S in die Geschirrspülmaschine einsortiert und die zwei Schalter und den Druckknopf und den Griff an der Waschmaschine für höchst verwirrend hält. Aber vielleicht hatte sie schon zu jener Zeit unbewusst versucht, ihrer bereits vorhandenen inneren Unordnung mit einem kuriosen Ordnungssinn entgegenzusteuern. Wenn du über siebzig bist und dir immer wieder einmal entfällt, wie du einen Schalter oder einen Druckknopf bedienen musst – so ist das nicht unbedingt besorg­niserregend. Aber ganz normal ist das nun auch wieder nicht. Zusatzfrage: Was ist schon ganz normal?

In vielen Fällen haften der Normalität ja doch auch eine gewisse Langeweile und diverse starre Regeln an, die ein sympathisches Chaos mitunter eher behindern. Unter den vielen Menschen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe, waren mir eigentlich jene, die sich konsequent der sogenannten Normalität widersetzten und auf der Chaos-Skala einen relativ hohen Wert erreichten, immer die liebsten. Es waren meistens die, die am wenigsten übel nahmen und die am ehesten verzeihen konnten, wenn man selbst Fehler gemacht hatte. Irgendwie wirkten diese Unangepassten in ihrer Lebensart auf mich einfach menschlicher und verständnisvoller.

Weshalb sind mir eigentlich Leute suspekt, die an einem Sonntagmorgen auf einer völlig menschenleeren Straße an der roten Ampel stehen und auf Grün warten? Weithin kein Auto, kein Motorrad- oder Radfahrer, keine Kinder, auf die man natürlich Rücksicht nimmt und denen man ein gutes Vorbild sein soll. Nichts, niemand ist da in der Nähe. Aber sie stehen da und warten. Weshalb tun die das?

Blinder Gehorsam“, hatte mein Freund Willie in einem Anflug von Sarkasmus einmal gesagt. „Angepasst und ohne jegliches Talent zum Widerspruch. Das hatten wir schon mal in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts.“

 

Apropos Talent. Bei diesem Stichwort muss ich mehr als vierzig Jahre zurückdenken. Mutter, ich erinnere mich an eine Fahrstunde, die Vater dir wieder einmal gab, als du viel­leicht in den Vierzigern warst und unbedingt den Führerschein machen wolltest. Du hattest definitiv kein Talent dafür, ein Fahrzeug mit vier Rädern zu bewegen. Bremse, Kupplung und Gaspedal – das alles in der richtigen Reihenfolge zu bedienen und dann auch noch zu lenken, war einfach zu viel für dich.

Ich saß mit im Auto, ein elegantes Mittelklassefahrzeug, ein Ford 17M. Für Oldtimer-Insider: Der 17M war der Vorgänger der berühmten „Badewanne“, ein wundervolles Gefährt. Ein Spruch von einst: „Jeder Lord fährt 'nen Ford, jeder Popel einen Opel“. Damals war ich etwa 14 Jahre alt, und mein Traumgefährt war kein Ford, sondern ein Heinkel-Moped, wie es einige meiner Freunde fuhren. „Easy Rider“ für 14-Jährige – man konnte so herrlich damit vor den Mädchen angeben. Nicht zuletzt deshalb stand es auf meiner Wunschliste ganz oben – und wurde von Vater „wegen der Gefährlichkeit“ immer wieder abgeschmettert. „Du brauchst kein Moped“, sagte er, „du darfst Autofahren.“

Und es war tatsächlich so. Im Alter von vierzehn Jahren ließ mich Vater regelmäßig ans Steuer, zunächst auf jenem Privatgelände, auf dem er auch meiner Mutter Fahrstunden gab, ein Jahr später auch auf öffentlichen Straßen. Natürlich immer in seinem Beisein. Er war auch in dieser Hinsicht ein Mann, der mir eine Menge Selbstbewusstsein gab.

Einmal sagte einer meiner Jugendfreunde in einem leicht spöttischen Ton zu mir: „Na, immer noch keine Heinkel?“

Mein Konter kam kurz und knapp: „Nö, brauche ich nicht. Ich fahre Auto.“

 

Zurück zur Fahrstunde. Wir kreuzten also bei Sonnenschein auf dem weitläufigen Gelände eines Sägewerks herum und ich habe die Arschbacken, so fest es ging, zusammengekniffen. Mutter, du warst mir am Steuer einfach unheimlich. Größer konnte eine Übungswiese nicht sein, und trotzdem hast du es mit deinen hektischen Lenkbewegungen und unkontrollierten Gasstößen immer wieder geschafft, extrem nahe an die riesigen, fast haushohen Stapel mit den geschälten Langholzstämmen zu kommen. Nicht nur Vater stand der Schweiß auf der Stirn.

Der urbayerische, hünenhafte Besitzer des Sägewerks hieß mit Vornamen kurioserweise Gustav, unbayeri­scher kann man wohl nicht heißen. Mutter („dös Wiener Maderl“) und Vater („da oide „Saupreiß“) haben ihn mit starker Betonung auf beiden Silben immer nur „Juss-taff“ genannt. Und Juss-taff, den sie bei einem Faschingsball kennengelernt hatten und der dann über die Jahre hinweg zum engen Freund geworden war, liebte das. Vor allem dann, wenn Vater, der ein klassisches Hochdeutsch sprach und dem ich immer dankbar dafür war, dass er niemals versucht hatte, in einen bayerischen Slang zu verfallen, der sich bestimmt nur peinlich angehört hätte – wenn Vater also bei Jus-taff noch „du oller Droschkenkutscher“ hinzusetzte. Dann grinste Juss-taff und antwortete, beinahe ein wenig gerührt, in tiefstem Bayerisch: „Oida Saupreiß, oida.“ Was auf Hochdeutsch so viel bedeutet wie: „Bist ein echt netter Kerl, ich mag dich.“

 

Aber weiter zu einer deiner vielen privaten Fahrstunden, Mutter. Die Koordination von Kupplung, Schaltung, Brems- und Gaspedal schien dir schlicht unmöglich zu sein. Dieses Abstimmen der verschiedenen Vorgänge beanspruchte deine Konzentration derart, dass du dabei leider oft das Lenken vergessen hast. Mehrfach rettete uns Vater mit beherzten Eingriffen am Lenk­rad vor Kontakten der härteren Art.

Juss-taff stand immer am Rand des Stapels, hatte die Hände über dem gewölbten Bauch gefaltet und sah schmunzelnd zu. Er hatte die Fahrstunden, so habe ich im Nachhinein den Eindruck, immer als eine amüsante und besonders abwechslungsreiche Show angesehen.

Vater war damals, auch beim letzten Versuch, meiner Mutter das Autofahren beizubringen, erstaunlich cool geblieben und sagte nach einer er­neuten Vollbremsung wenige Millimeter vor einem meterhohen Holzstapel nur: „Wir sparen uns etwas Geld.“

Für Fahrstunden?“ fragte Mutter.

Ja, und für den ganzen Führerschein“, hatte Vater kurz geantwortet. „Ich denke, wir lassen das lieber. Es reicht ja, wenn einer von uns den Führerschein hat. Wir fahren ohnehin nur zusammen weg.“

Juss-taff war ans Auto gekommen und hatte an die Scheibe geklopft. Vater kurbelte sie runter und schaute Juss-taff verzweifelt an. Der hatte eine breite Lache aufgesetzt und bayuwarte: „Oiso, dös war net schlecht heit. Der Karrn is no ganz, dei Oide hat sakkrisch Ta­lent.“ Oder auf Hochdeutsch: „Grandios gelaufen heute, das Auto ist noch heil, deine Frau ist enorm begabt.“

Vater kniff die Augen zusammen, ballte die Hände zu Fäusten und zischte durch das Fenster: „Juss-taff, das kostet dich eine kräftige Runde beim nächsten Skat-Abend.“

 

Mutter war schon immer so: einfach unkoordiniert und meist ein wenig hektisch, auch in ihrer noch gesunden Zeit. Vater meint einmal: „Du wirst sie niemals ändern können.“ Sie sei ein Super-Checker. Sie fahre nicht nur einmal mit einem Tuch über einen frisch gewienerten Tisch, sondern auch noch ein zweites und ein drittes Mal. Oder anders ausgedrückt: Sie habe einen gran­diosen Putzfimmel.

Oder das Hantieren mit dem Staubsauger. Natürlich muss man manchmal mehrfach über eine Stelle hin und her fahren, bis das eine oder andere hartnäckige Krümelchen auf dem Teppich endlich im Schlund des Staubsaugers verschwunden ist. Aber macht es wirklich Sinn, einen Quadratmeter blitzblanken Bodens minutenlang ohne sichtbaren Erfolg zu bearbeiten?

Du wirst das alles noch durchscheuern und bald im Keller landen“, sagte ich einmal lachend zu ihr.

Doch so kenne ich meine Mutter von Kindheit an. Hätte ich einen Psychologen zum Freund und würde ich ihn fragen, was es damit auf sich hat, über einen frisch gewienerten Tisch weitere Male mit einem Tuch zu wischen, dann würde er vermutlich antworten: Das sei ein grandioser Putzfimmel, ganz klar eine Zwangsstörung. Aber brauche ich, um das zuverlässig zu erfahren, deshalb einen Psychologen zum Freund? Nein, ich bin mit meinen Freunden, die alle ihre kuriosen Macken haben, schon sehr zufrieden.

 

Irgendwann Ende April 2003, an einem milden Frühlingsabend, verliert Vater ein wenig die Ner­ven, als er Mutter nach dem Essen beobachtet, wie sie wieder einmal das Geschirr in die Spülmaschine einsortiert. „Das ist nur eine Geschirrspülmaschine“, sagt er eine Spur lauter als üblich. „Stell' das Zeug einfach rein und mach' keine Wissenschaft daraus.“

Das Schlimme daran: Sie reagiert überhaupt nicht, nimmt Gabeln, Löffel und Messer im­mer wieder umständlich von einer Hand in die andere, legt dann spontan einen Teller in das dafür vorgesehene Fach, wiegt erneut Gabeln, Löffel und Messer ab. Was nur zuerst? T kommt auf jeden Fall nicht vor G, L und M!

Nein“, sagt Mutter nach einer Weile, „ich hab' da etwas falsch gemacht. Die Teller kommen doch zum Schluss. Oder kennt Ihr ein Geschirr mit großem Z? Das wäre dann natürlich ganz hinten.“ Also holt sie den Teller wie­der hervor.

Vater verdreht die Augen und streicht mit einer leichten Handbewegung über seinen wei­ßen Schnurrbart. Ich verdrehe die Augen, und hätte ich einen Schnurrbart, würde ich mit einer leichten Handbewegung darüberstreichen. „Aber du liebst sie trotzdem, nicht wahr“, sage ich schmunzelnd.

Sie ist einfach besonders“, sagt er. „Vielleicht auch deshalb.“ Er sieht mich mit seinen güti­gen Augen eindringlich an. „Du kennst sie so lange wie ich“, sagt er nach einer Weile und setzt grinsend hinzu: „Nun gut, fast so lange. Ziehen wir ein paar Monate ab. Sie war doch immer so. Immer noch mal das Staubtuch, immer noch mal etwas hin und her geschoben. Aber vielleicht haben wir genau deshalb die zunächst schweren Zeiten nach dem Krieg so gut überstanden. Mami war einfach nicht unterzukriegen.“ Er stockt einen Augenblick. „Ohne sie hätten wir das alles nicht geschafft.“

 

Er steht ein wenig mühsam auf. Vater ist bereits über neunzig. In diesem Alter steht man nicht mehr einfach so auf. Er dreht sich um und geht langsam zum Fenster, schaut hinaus in den Garten – schweigend. A penny for your thoughts.

Ich spüre, dass ihn etwas bewegt. Etwas, über das er nicht spre­chen kann. Oder will. Dass ihn etwas berührt, das er noch nicht so richtig versteht und das ihm große Sorgen bereitet. Wie soll man auch über etwas sprechen, das, weil es zunächst einfach unbegreiflich erscheint, mehr Schweigen als Sprache verdient? Vielleicht ist das Schweigen in solchen Augenblicken beredter als das Sprechen. Und vielleicht lässt sich dadurch eine befürchtete Wahrheit wesentlich stärker ausdrücken. Irgendwann werden wir darüber reden müssen.

Auch ich mache mir natürlich über Mutter so meine Gedanken. Doch wie vorher schon einmal gesagt: Zu diesem Zeitpunkt sind Vater und ich noch Großmeister im Verdrängen und Verweigern – das Schlimmste wollen wir einfach noch nicht akzeptieren. Natürlich ahnen wir, dass irgendetwas mit ihr nicht stimmt, dass eine Veränderung in ihr vorgeht, die man eigentlich noch nicht so richtig erklären kann.

Es sind so viele Kleinigkeiten, auf die Vater und ich – unabhängig voneinander, und ohne, dass wir uns drüber austauschen – plötzlich peinlich genau achten: wie sie etwas sagt, wie sie auf etwas reagiert, wie sie verschiedene Handgriffe erledigt. Sie steht jetzt unter ständiger Beobachtung, alles wird fortan registriert.

Ich beginne, ein Tagebuch zu führen. Darin stehen Anmerkungen wie: „Mutter hat sich wieder einmal ausgesperrt.“ „Sie hat die Herdplatte brennen lassen.“ „Wieder einmal die Schlüssel verlegt.“ „Mami wirkt seit Tagen extrem bedrückt!“ „Sie ist fröhlich wie in alten Zeiten.“

Doch selbst in den kühnsten Träumen können wir uns nicht vorstellen, wie schnell ihre Krankheit letztlich voranschreitet. Dabei nehmen die Aussetzer und kleinen Fehler in ihrem alltäglichen Leben beständig zu. Und immer wieder kommt es zu ebenso verstörenden wie kuriosen, oft aber auch sehr amüsanten und lustigen Begebenheiten.

 

Teil 4 folgt am 24. Februar

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