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Teil 4: Lachen, füttern, windeln ...

 

 

 

 

 

 

 

Mai 2003: Kunst des Schenkens

 

Am 3. Mai hat Mutter Geburtstag, sie ist ein Stier. Es gibt einfachere, allerdings auch kompliziertere Sternzeichen. In einer Beschreibung habe ich einmal gelesen, dass Stier-Frauen gefühlsbetont und rasch besitzergreifend sind. Beides trifft auf sie zu. Mein Vater war ebenfalls Stier – und ich ein freiheitsliebender, vagabundierender Schütze. Diese Konstellation sorgte in früher Jugend schon für das eine oder andere Konfliktchen. Gott sei Dank waren meine Eltern, so gänzlich entgegen ihrem Sternzeichen, mit einem enorm großen Toleranzpotenzial ausgestattet, was das Zusammenleben von Eltern und Kind um vieles leichter machte.

Der Geburtstag also. Zwei oder drei Wochen zuvor frage ich sie, was sie sich denn wünsche. Und wie seit Jahren kam auch dieses Mal die übliche Antwort: „Ich habe alles, und was ich nicht habe, brauche und will ich auch nicht.“ Mutter, dieser Spruch bedient so ziemlich das übelste Klischee, das man in diesem Zusammenhang hören kann und das ich auch schon hundertmal gehört habe.

Du lieber Himmel, ich möchte ihr doch nur etwas schen­ken, etwas ganz Persönliches, das ihr Freude macht. Die Diskussion, ob Geschenk oder nicht, dauert etwa eine Stunde, bis sie schließlich die Augen verdreht und unvermittelt sagt: „Die Spießbürger lernen nie­mals die Kunst des vornehmen Schenkens. Honoré de Balzac, französischer Philosoph und Romanautor.“

Gesichtszüge können ja oft wunderbar entgleisen. In diesem Augenblick muss ich ausgesehen haben wie ein Vollpfosten. Ich starre sie an und versuche, irgendeine Antwort zu geben. „Mami … okay … toller Spruch … nun, also ich weiß nicht …“

Sie unterbricht mich mit einem strahlenden Lachen: „Kalenderblattabriss von heute. Der Spruch war mir auch neu, der alte Balzac natürlich nicht. Du glaubst nicht, wie viele Weis­heiten man aus Kalenderabrissen erfahren kann. Sie sind völlig unterbewertet. Leider vergisst man sie so schnell wieder.“

Da hat sie recht. Es gibt nur drei Kalendersprüche, die ich mir jemals gemerkt habe und die ich nie mehr im Leben vergessen werde. Einer davon stammte von Bob Marley: „Jeder Mensch ist sein eigenes Universum.“

In irgendeinem Fußballkalender – ehrlich gesagt interessiere mich nicht sonderlich für Fußball – habe ich mal eher zufällig gelesen: „Es lohnt sich auf der Welt zu sein, allein schon wegen Hölzenbein.“ Der Spruch hatte mir wegen seines simplen Reims gefallen.

Nun ergab es sich eines Tages, dass ich mit Hölzenbein (Bernd, Fußballweltmeister 1974, gespielt bei Eintracht Frankfurt) bei einem Golfturnier zusammen in einem Flight spielen sollte. Den Spruch hatte ich noch drauf. Und als wir uns am ersten Abschlag gegenseitig vorstellten und ich zur Begrüßung grinsend ansetzte „Es lohnt …“, unterbrach er mich cool: „Sag’ es nicht. Ich kann diesen Scheiß nicht mehr hören.“ Darauf mein genialer Konter mit Kalenderspruch Nummer drei: „Es lohnt … nicht zu weinen, wo Tränen verboten sind.“ (Pearl S. Buck). Bernd stutzte, dann ging ein leichtes Lächeln über sein Gesicht und er sagte kurz: „Okay, dann können wir jetzt abschlagen.“ Es wurde ein recht amüsantes Golfspiel.

 

An dieser Stelle muss, eben wegen dieser kuriosen Diskussion über ein Geburtstagsgeschenk, gesagt werden, dass meine Mutter sehr belesen ist. Und zwar quer durch den Literaturgarten. Hemingway, Kafka und Hesse und Tucholsky, Lasker-Schüler, Frisch und Simmel und Eco, sogar die Schnulzen von Hera Lind, selbst die Schocker von Stephen King, und natürlich – als Wienerin, die ihre Wurzeln nie verleugnen konnte – auch die Wiener Größen wie Polgar oder Kraus. Was ihr unter die Finger kam, wurde nicht nur einfach gelesen, sondern regelrecht ver­schlungen, gelegentlich in Gesprächen angebracht und häufig zitiert. Je mehr man liest, desto mehr lernt man, hat sie immer gesagt.

Gut, Bub, du schreibst doch, du oller Schreiberling. Dann schreibe mir meinetwegen etwas zum Ge­burtstag, vielleicht ein Gedicht. Oder irgendetwas anderes Geschriebenes.“

Gib mir einen Tipp“, bitte ich sie fast flehentlich. „Worüber möchtest du, dass ich dir etwas schreibe?“

Sie zögert keine Sekunde mit der Antwort – und die haut mich dann vollends um: „Leber­käse. Schreib’ etwas über Leberkäse.“ Sie lächelt mich an und sagt: „Wo kommt der ei­gentlich her? Wie lange gibt es den denn schon? Wäre doch mal interessant zu wissen. Oder vielleicht lieber etwas über die Weißwurst? Oder über Albrecht Dürer?“

Dürer?“ frage ich völlig verblüfft.

Na ja, nicht über ihn, aber über die Nürnberger Bratwürste. Die hat er doch sicher auch immer gerne gegessen. Hat es die damals eigentlich schon gegeben?“

Sie schaut an die Decke, legt den Zeigefinger kurz an die ge­spitzten Lippen. Und sagt dann bestimmt: „Nein, schreib’ etwas über Leberkäse.“

Ich schüttele den Kopf und sage: „Mami, wieso Le­berkäse? Du magst keinen Leberkäse. Wann hast du denn zum letzten Mal einen geges­sen!“

Vor zehn Jahren?“

Keine Ahnung, aber das dürfte vielleicht hinkommen. Also bitte, weshalb ausgerechnet Leberkäse? Wie wäre es mit ei­ner kleinen Geschichte über Rosen, über Liebe, meinetwegen über einen Kaktus?“ Stories über Rosen und Liebe – inklusive diverser Kalendersprüche – lagen übrigens abrufbereit in meinem Textarchiv. Aber auch zum Kaktus hätte ich schon irgendetwas Lesbares zusammengeschrieben. Stacheln lassen sich ja in nahezu jede Geschichte wunderbar einbetten.

Aber sie ist nicht mehr davon abzubringen. „Leberkäse“, sagt sie strahlend, „ein wunder­volles Thema. Und du liebst ihn doch. Also lass dir etwas Komisches dazu einfallen. Und schreibe einfach und verständlich. Nicht so einen verschlungenen und komplizierten Krampf. Nicht so wie Thomas Bernhard.“

Mutter“, sage ich, „du liebst Thomas Bernhard. Er schreibt doch keinen Krampf. Du liebst seinen Minetti. Paps hat dich damals extra nach Salzburg gefahren, damit du den Theatermacher sehen konntest.“ Vater saß derweil übrigens gemütlich im Felsenkeller und trank sein Schöppchen. Oder eher zwei bis drei.

Abgesehen davon, dass ich nicht schreiben kann wie er, Bernhard, was hast du plötzlich gegen etwas kompliziertere Vorgänge beim Schreiben und Lesen?“

Die Geschmäcker ändern sich, Bub. Also einfach, witzig. Nix verschachteln in den Sätzen. Schreib' so, dass ich es verstehe.“

Oh, mein Gott. Mutter, du bist doch nicht dumm. Du hast mich einmal auf einen Satz von Thomas Bernhard (aus seinem Buch „Wittgensteins Neffe“) hingewiesen, der sich in der Tat kompli­ziert las und den du als 'extrem mühsam' empfandest und den du mit großem Genuss und bei einigen Gelegenheiten doch immer wieder gerne vorgelesen und kommentiert hast. Dieser eine Satz von Bernhard also lautete so:

 

Die auf nichts sonst Rücksicht nehmende Leidenschaft des Paul Wittgenstein für die Mu­sik, die übrigens auch unsere Freundin Irina immer ausgezeichnet hat, hatte mich sofort für ihn eingenommen gehabt, seine ganz und gar außerordentlichen Kenntnisse vor allem die großen Orchesterwerke Mozarts und Schumanns betreffend, ganz abgesehen von sei­nem mir allerdings sehr bald unheimlichen Opernfanatismus, der in ganz Wien bekannt und tatsächlich nicht nur gefürchtet, sondern schon auf tödliche Weise krankhaft gewesen war, wie sich bald zeigte, seine hohe, nicht nur musikalische, sondern allgemeine Kunstbil­dung, die sich von der aller anderen beispielsweise durch mehr oder weniger un­unterbrochenen angestellte, jederzeit überprüfbare Vergleiche von gehörter Musik, von be­suchten Konzerten, von studierten Virtuosen und Orchestern unterschied und die alle im­mer zuhöchst authentisch gewesen waren, wie ich bald einsah, hatten mich unschwer den Paul Wittgenstein als meinen neuen, ganz und gar außerordentlichen Freund erken­nen und annehmen lassen.“

 

Oh Mann, ein einziger Satz! Mutter, du hattest doch immer Spaß gehabt an solchen grandiosen Ausuferungen. Du hast sie regelrecht seziert und einmal, speziell zu Bernhard-Sätzen, gesagt: „Stärker, aber auch komplizierter kann Sprache nicht sein. Du musst dich durchkämpfen, um etwas zu verstehen. Und nur dann hast du es auch begriffen.“

In der Schule bekamen wir früher einfachere, negative Beispiele von so genannten Schachtelsätzen vermittelt. Etwa jenen: „Derjenige, der denjenigen, der den Pfahl, der an der Brücke, die nach Worms führt, stand, umgeworfen hat, anzeigt, erhält eine Belohnung.“ Wer bei einem Aufsatz Ähnliches von sich gab, bekam als „Belohnung“die ganze Härte des Lehr­körpers zu spüren. Und die hieß: „Setzen, sechs!“

 

Und nun fordert Mutter eine einfache Geschichte ein. Eine Geschichte über Leberkäse. Einfach und witzig. Das ist bei Leberkäse doch ziemlich schwierig, möchte man nicht total unter sein Niveau rutschen. Also lasse ich mir etwas dazu einfallen. Ohne großer Schach­telsätze. In einem kleinen, hübsch aufgemachten Booklet 14 x 18 bekommt sie dann, ne­ben einem großen Blumenstrauß und einem Parfum (das sie nicht riechen kann, weil sie schon lange keinen Geruchssinn mehr besitzt) und einem Buch (von Kishon, auch ihn hat sie geliebt) zum Geburtstag die folgende Geschichte. Weil vom bayerischen Leberkäse, den sie ebenso wenig mag wie etwa den schwäbischen Fleischkäs, schon alles erzählt wurde, erfährt sie eben alles vom römi­schen, den es nie gab und niemals geben wird und den sie, gäbe es ihn denn doch, mit Sicherheit ebenso verabscheuen würde wie den bayerischen oder schwäbischen.

In Wikipedia wird der Bayerische Leberkäse übrigens so definiert: „Die Zutaten für Bayerischen Leberkäse sind gepökeltes, grob entsehntes Rindfleisch und fettreiches Schweinefleisch, Speck, Wasser, Zwiebeln, Salz und Majoran, die mit dem Kutter zu einer feinen Masse verarbeitet werden. Anschließend wird das Brät in einer Backform gebacken, bis sich eine braune Kruste gebildet hat.“

Also durchaus verständlich, wenn für den einen oder anderen der Leberkäse nicht unbedingt zu seinen Lieblingsspeisen zählt. Aber es gibt ja auch Leute, die keine Austern mögen. Es ist eben einfach alles Geschmackssache. Und darüber lässt sich, nach Immanuel Kant, „nicht disputieren“. Suum cuique – jedem das Seine. Der eine geht für ein gutes Roastbeef, Coburger Bratwürste oder Innereien auf die Barrikaden, der andere für Kalamari vom Grill, Scholle nach Finkenwerder Art oder Schnecken mit Kräuterbutter. Ein dritter findet seine Genüsse quer durch den kulinarischen Garten.

Du musst alles essen können“, sagte Mutter einmal zu mir, als ich vielleicht zehn oder zwölf Jahre alt war und mein Vater Spaghetti Vongole auf den Tisch gebracht hatte – der segensreiche Beginn einer lukullisch-kosmopolitischen Erziehung. „Du wirst Verschiedenes mögen, anderes nicht. Nur, um herauszufinden was dir schmeckt und was nicht, musst du wenigstens alles einmal probiert haben und nicht gleich von vornherein sagen, das will ich nicht.“

Und so erfuhr ich schon in jungen Jahren, dass mir eigentlich fast alles schmeckt – außer Hammel, Lamm und Austern. Und Milchreis. Jahre später, während meines Berufslebens, geriet ich vor allem im Ausland immer wieder in Situationen, in denen die freundlichen Gastgeber Hammel, Lamm oder Austern servierten – ich würgte das alles dann ohne zu Kauen runter. Es funktioniert allerdings nur, wenn man dabei nicht durch die Nase einatmet und danach möglichst schnell mit Hochprozentigem nachspülen kann.

Nachtrag: Vaters Spaghetti Vongole waren phantastisch. Erst später erfuhr ich, dass er sie vom Italiener um die Ecke geholt hatte.

 

Weil Mutter kein Latein be­herrscht, erkläre ich ihr den locker übersetzten lateinischen Ausdruck für Leberkäse – He­par Caseus (mein früherer Lateinlehrer würde mich dafür köpfen). Und so liest sich dann die ergreifende Geschichte.

Tipp für den Leser: Wer nichts über Leberkäse, speziell über den römischen und dessen Auswirkungen auf Gesellschaft und Politik, erfahren möchte, blättere jetzt einfach ein paar Seiten weiter.

 

 

LEBERKÄSE (lat. Hepar Caseus) IM ALTEN ROM

zum 3. Mai 2003

 

Einige Fakten, die nicht zu leugnen sind: 133 vor Christus wurde Tiberius Gracchus ein römi­scher Volkstribun – und dummerweise bereits ein Jahr später von Gegnern gemeuchelt. Aber das Geschäft blieb gewissermaßen in der Familie, denn zehn Jahre später wurde auch sein Bruder Gaius Volkstribun. Leider segnete auch er schon zwei Jahre nach Amts­antritt auf gewaltsame Weise das Zeitliche.

Bisher glaubte man immer, es ging – sowohl bei Tiberius als später auch bei Gaius – nur um sozialpolitische Programme und darum, den Bauern gestohlenes Land zurückzugeben, zudem auch noch ein Ackergesetz und eine gerechte Landverteilung durchzusetzen. So hatten wir das jedenfalls in der Schule gelernt. Doch was erst kürzlich durch Geheimschrif­ten in der Vatikan-Bibliothek bekannt wurde: Die Brüder arbeiteten heimlich an einem Ver­bot von „Hepar Caseus“ und hatten deshalb im politischen Establishment viele Feinde.

Das Volk liebte Hepar Caseus, und das Volk waren Stimmen. Feinde von Hepar Caseus, moch­ten sie noch so sehr das Wohl des römischen Reiches im Auge haben, waren also Feinde des Volkes.

Doch was war so schlimm an Hepar Caseus? Der Hintergrund dieser Geschichte ist dra­matisch. Hepar Caseus war von den Zutaten und der Lagerfähigkeit her, ähnlich wie der griechische Συκώτι Τυρί, ein echter kulinarischer Killer. Und das wiederum war bevölkerungspolitisch nicht unbedingt ein Hit: Zu wenige Bürger – das waren zu wenige Soldaten, Steuerzahler, Gladiatoren, freizügige Gespielinnen, Ärzte und Architekten. Hepar Caseus trug ganz eindeutig zur Reduzierung der Bevölkerung bei. Dumm wiederum, wenn man später beim Ausbau des römischen Reiches in Erwägung zog, Gallien – und dort ein ganz spezielles Dorf – sowie weitere Landstriche im Norden von Südtirol erobern zu wollen.

Mit anderen Worten: Tiberius und Gaius mussten Hepar Caseus vom Markt holen, sonst wären den römischen Imperatoren nur noch ein par müde Legionen geblieben, um die Barbaren im Norden zu besiegen und zu unterdrücken.

Hinzu kam, dass die technische Entwicklung zu jener Zeit noch einen unterirdischen Stand hatte. Die damaligen Wissenschaftler waren ahnungslos, wie man Hepar Caseus so aufbewahren konnte, dass man nicht kurz nach den ersten Bissen, Stunden zu spät genos­sen, daran krepierte. Erst viele Jahre nach Christi Geburt gelang einem genialen, später hoch dekorierten Tüftler namens „Frigidus Centurio“ eine Erfindung, die schließlich als „fri­gidariusium“ in die Geschichte eingehen sollte. Heute gibt es, in modifizierter Form, in na­hezu jedem Haushalt ein „frigidariusium“. Gut für kaltes Bier, kalten Wein, eisgekühlte Schnäpse – okay, natürlich auch für Lebensmittel in ebenso weicher wie festerer Form. Auch für Leberkäse.

Doch zurück zu den Gracchus-Brüdern und Hepar Caseus. Sie hatten die Gefahr, die von diesem ebenso beliebten wie gefährlichen Lebensmittel ausging, schon früh erkannt. Ver­brieft ist etwa ein Gespräch, das noch Tiberius Gracchus mit seinem Vertrauten Tranquilius führte.

Tiberius: „Salve, mein Freund. Wir haben ein Problem. Hallo, Tranquilius, aufwachen!“

Tranquilius: „O Tiberius, sprich, du kannst mir alles sagen, ich bin dein Vertrauter.“

Tiberius: „Cogito ergo sum. Und ich denke, dass ...”

Tranquilius: „… mit dem Erkenntnis-Grundsatz ‚cogito ergo sum’ erst in etwa 1.800 Jah­ren ein Mann namens Descartes bekannt werden wird.“

Tiberius: „Ich sehe, du bist ein Seher. Was siehst du im Zusammenhang mit Hepar Ca­seus? Tranquilius, aufwachen! Was siehst du im Zusammenhang mit Hepar Caseus?“

Tranquilius: „Eine große Gefahr, o Tiberius. Wie wird Seneca einst sagen: Quod natum est, properat mori.“ (Was geboren wurde, strebt dem Tode zu.)

Tiberius: „Seneca?“

Tranquilius: „Vergiss es, Tiberius. Hepar Caseus schmeckt zwar, es reduziert jedoch un­ser Volk. Erst in weiter Zukunft wird ein Frigidariusium erfunden, das Hepar Caseus haltbar machen wird. Jedenfalls für ein paar Tage.“

Tiberius: „Du sprichst in Rätseln, mein Freund.“

Tranquilius (gähnend): „Du musst Hepar Caseus verbieten lassen, sonst werden wir beide bald die letzten Römer sein. Das Problem ist, dass Hepar Caseus so teuflisch gut schmeckt und so beliebt ist, dass ein Verbot einen Volksaufstand auslösen wird. Viele Senatoren werden versuchen, ein solches Verbot politisch auszuschlachten.“

Tiberius: „Und das heißt?“

Tranquilius: „Wie auch immer, Tiberius, du sitzt in der Scheiße. Ich habe nur einen Rat für Dich.“

Tiberius: „Wie lautet er, mein Freund?“

Tranquilius: „Esse kein Hepar Caseus. Du wirst dein Leben länger genießen können. Ich habe heute Mittag übrigens das beste Hepar Caseus meines Lebens gegessen. Es war so zart, so unglaublich …“

Tiberius (aufgeregt): „Tranquilius? Tranquilius! Wache! Schnell, holt einen Arzt. Tranquilius? Wache, vergesst den Arzt …“

 

Nun gut. Dass sowohl Tiberius als auch später sein Bruder Gaius letztlich am Hepar Ca­seus scheiterten, dürfte in der Historie ebenso kaum bekannt sein wie die vielen ande­ren Ereignisse, die sich in diesem Zusammenhang auf die weitere Entwicklung des römi­schen Reiches negativ auswirkten.

Wer weiß beispielsweise schon, dass bei der Schlacht im Teutoburger Wald die römi­schen Truppen durch Hepar Caseus so sehr geschwächt waren, dass sie nur verlieren konnten. Varus sollte, auf Wunsch von Caesar, die Legionen wieder zurückgeben. Völliger Nonsens. Seine wirkliche Bitte war: „Varus, bring’ mir etwas Hepar Caseus aus Germanien mit. Dort soll es den besten geben.“

Stichwort Caesar: Bis heute hält sich hartnäckig die Legende, dass Gaius Julius Caesar am 15. März 44 n. Chr. einem Attentat zum Opfer fiel. Messerstiche waren es angeblich, die ihn ins Jenseits befördert haben sollten. Falsch. Denn selbst seine letzten, angeblich ebenso verblüfften wie anklagenden Worte „Auch du, mein Sohn Brutus“ stimmen nicht mit der Wahrheit überein. Vielmehr, wie inzwischen aus bislang unbekannten Unterlagen von Ge­schichtsschreibern eindeutig hervorgeht, soll Caesar gesagt haben: „Verdammt, ich hätte den Hepar Caseus nicht essen sollen.“

 

Mutter liest an diesem Geburtstagsabend die Zeilen laut vor. Hin und wieder schüttelt sie den Kopf. „Mutz“, sagt sie nach einiger Zeit, „du bist völlig verrückt. Wie kann man einen solchen Quatsch schreiben. Leberkäse im alten Rom.“

Nicht lustig?“ frage ich kleinlaut. Mutter hat doch immer so viel Sinn für Unsinn. Sie muss das doch verstehen.

Du warst betrunken, als du das geschrieben hast.“

Nun, ich hab’ mir alle Mühe gegeben, für dich eine lustige Geschichte zu schreiben. Aber zugegeben, ein wenig Alkohol war dabei im Spiel.“

Es ist eine lustige Geschichte, auch wenn ich sie nicht ganz verstehe. Leberkäse im alten Rom, so ein Quatsch.“

Dann lacht sie mich strahlend an. „Trotzdem hast du mir eine große Freude bereitet. Wer schreibt für mich schon noch Geschichten. Und so ein schönes Büchlein.“ Sie nimmt mich in den Arm. „Das ist mein schönstes Geburtstagsgeschenk seit langem.“

Vater, der leicht vor sich hindöste, während Mutter die Geschichte vortrug, hatte seinen eigenen Kommentar auf Lager: „So, so, eine Geschichte über Essen. Hochinteressant. Und was gibt’s zu essen?

 

Teil 5 folgt am 27. Februar

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