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Teil 5: Lachen, füttern, windeln ...

 

 

 

 

 

 

 

 

Juli 2003: Depression?

 

Ein Mittwoch in der Mitte des Monats – und mein wöchentlicher Besuch bei den Eltern. Erstmals ist mir Mutter etwas fremd. Die Begrüßung, die normalerweise immer so überschwänglich ausfällt, erscheint mir dieses Mal eher kurz und zurückhaltend zu sein. Vater meint, als wir kurz alleine sind, sie sei schon seit einigen Tagen so verhalten, und ob ich denn bei den Telefonaten mit ihr nichts bemerkt habe. Spontan vermute ich, dass Mutter vielleicht unter einer Depression leidet, die im Zusammenhang mit ihrem verstörenden Verhalten in den letzten Monaten steht.

Als wir nach dem Abendessen, bei dem Mutter kein Lachen auskommt, noch zusammensitzen, sagt sie plötzlich: „Wo sind eigentlich alle unsere Freunde geblieben? Wo ist Gaby? Wo sind die netten Gesellschaften?“ Sie wirkt sehr ernst. „Ich glaube, man meidet uns. Man will nicht mehr mit uns zusammen sein. Haben wir etwas falsch gemacht.“

Vater, weit entfernt von diplomatischem Geschick: „Quatsch, was sollen wir denn falsch gemacht haben? Unsere Freunde sind eben alles alte Leute, die ihr Haus nicht mehr gerne verlassen. Und Gaby können wir schon deshalb nicht mehr sehen, weil sie vor einem halben Jahr gestorben ist.“

Mutter: „Gaby ist tot?“ Sie sieht mich völlig entgeistert an. „Nun sag’ du doch auch mal etwas.“

Paps hat recht. Gaby ist doch bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Du erinnerst dich sicher. Und was Eure alten Freunde betrifft: Die sind einfach zu alt für Euch. Ihr seid zu fit für die.“

So komisch das vielleicht klingen mag: Vater ist schließlich neunzig, Mutter siebenundsiebzig Jahre alt – und doch sind die beiden sowohl von der körperlichen als auch geistigen Beweglichkeit ihren fast gleichaltrigen Freunden deutlich überlegen.

Also brauchen wir jüngere Freunde“, sagt Mutter. „Dann lasst uns mal auf die Suche gehen.“

Mit einem Mal scheint sie entspannter zu sein, sie lächelt. Es gab da offenbar diese Freundesgeschichte, die ihr Probleme bereitete und sie verschlossen machte. Und nun, als sie darüber gesprochen hat, geht es ihr sichtlich wieder besser. Vater stellt fest, dass sie nach Tagen erstmals wieder lacht.

Bevor ich ins Bett gehe, bediene ich ausführlich meine Agenda, notiere jedes Wort, das Mutter gesagt hat, schreibe auf, was Vater von sich gegeben hat. Und was ich zur Situation beigetragen habe. Ich möchte später einmal den Verlauf der Erkrankung meiner Mutter genau rekonstruieren und erzählen können.

Was mich an diesem Abend bestürzt: dass sie den Tod ihrer engsten Freundin einfach vergessen hat!

 

 

August 2003: Angst

 

Mutter wünscht sich neue Bettdecken. „Nicht immer nur Weiß, das haben wir jetzt, seit ich denken kann. Vielleicht wäre etwas leicht Buntes mal sehr hübsch, auf jeden Fall einfarbig und ohne Muster.“ Vorab: Es läuft letztlich auf etwas Lindgrünes hinaus.

Während Vater lieber zu Hause bleibt und einen echten Wiener Schweinebraten zubereitet, zu dem natürlich auch das Einreiben mit einer anständigen Portion Knoblauch und der Genuss eines Fläschchens Bier gehört, fahre ich mit ihr zum Einrichtungshaus. Wir schlendern durch die Gänge, sehen uns verschiedene Sachen an – und plötzlich packt sie mich am Arm und sagt diesen einen Satz: „Es macht mich manchmal ganz wahnsinnig.“

Was macht dich wahnsinnig?“

Sie schaut um sich und wirkt in diesem Augenblick irgendwie fahrig und unsicher, beinahe so, als wäre sie auf der Flucht. Es dauert eine ganze Weile, bis sie antwortet: „Manchmal glaube ich, dass bei mir etwas nicht stimmt. Ich vergesse so viel in letzter Zeit, Namen, Orte, ganz nach Belieben. Und ich verwechsle oft Dinge, die man nicht so leicht verwechseln sollte. Das ist mir früher nie passiert.“

Ich schmunzle. „Mami, du wirst einfach alt. So lange du dich nicht selbst verwechselst, ist doch alles in Ordnung.“ Heute könnte ich mich für diese dumme und oberflächliche Antwort ohrfeigen. Rückwirkend habe ich natürlich tausend Entschuldigungen. Ich war einfach noch nicht bereit dazu, eine mögliche Erkrankung wirklich ins Auge zu fassen.

Ihre Antwort kommt prompt: „Manchmal frage ich mich, ob man ignorante Kinder nicht auf eine einsame Insel schicken sollte.“

Wie gesagt, es läuft auf eine lindgrüne Bettwäsche hinaus. Und nachdem wir mit dem Einkauf fertig sind, sagt Mutter: „Lass uns doch noch einen Kaffee trinken.“

Wir gehen also in eine kleine Konditorei gleich in der Nähe, bestellen zwei Kännchen Kaffe – und dann schüttet sie mir ihr Herz aus.

Ich komme mit meinen Gedanken manchmal völlig durcheinander. Und ich kann mich so oft überhaupt nicht mehr konzentrieren. Immer öfter stehe ich irgendwo und frage mich, was ich jetzt eigentlich wollte. Mutz, ich mache mir große Sorgen.“

Ich auch. Aber in diesem Augenblick versuche ich, das alles ein wenig abzuschwächen und sie aufzubauen. „Du bist jetzt siebenundsiebzig. Glaubst du nicht, dass man in diesem Alter schon mal den einen oder anderen Aussetzer haben darf?“

Das mag schon sein“, sagt sie, „aber ich spüre trotzdem, dass irgendetwas mit mir nicht stimmt, dass ich manchmal meine Gedanken regelrecht verliere. Oder anders gesagt: Ich kann oft etwas nicht zu Ende denken, nicht mehr richtig sortieren. Papi steht manchmal vor mir, erzählt mir etwas, und ich habe keine Ahnung, wovon er spricht. Wenn ich etwas lese, begreife ich die Zusammenhänge nicht. Aber das ist natürlich nicht ständig so, sondern eben nur hin und wieder.“

Mutter nimmt meine Hand in ihre Hände und sieht mich eindringlich an. „Ich habe entsetzliche Angst, dement zu werden.“

Jetzt war es ausgesprochen, dieses Angstwort, das Vater und ich in der letzten Zeit immer wieder verdrängt haben. Keiner von uns hatte bisher den Mut gehabt, offen darüber zu sprechen.

Nun, ich weiß nicht, wie ich mich in diesem Augenblick verhalten und was ich sagen soll. Ich habe mindestens ebenso viel Angst wie sie. Wie Mutter so vor mir sitzt und sich völlig logisch und verständlich ausdrückt, ist ihre Angst für mich natürlich kaum nachvollziehbar. Und trotzdem kann ich mir vorstellen, dass die Möglichkeit einer Demenzerkrankung durchaus gegeben ist. Bleibt also nur eine Flucht in die Hoffnung für ein Spiel auf Zeit.

Mami, du und dement? Lächerlich. Wenn das so wäre, könntest du vermutlich deine Ängste gar nicht so konkret erklären, wie du das gerade getan hast. Abgesehen davon, eine solche Erkrankung hat einen Verlauf über etliche Jahre hinweg. Also keine Bange.“

Sie sieht mich ernst an und sagt: „Vielleicht verstehst du es nicht, aber ich habe Angst vor dem schwarzen Mann, der mir mein Gehirn stiehlt.“

Der schwarze Mann! Krampfhaft suche ich nach einer Erwiderung.

Doch von einer Sekunde auf die andere ist sie plötzlich wieder ganz die alte. Sie schaut mich spitzbübisch an und sagt: „Und dann ist es ohnehin egal, weil ich nichts mehr mitbekomme? Weil ich rechtzeitig wegsterbe? Meintest du das? Du lieber Himmel, worüber reden wir überhaupt. So, und jetzt ab nach Hause. Ich rieche förmlich schon den Schweinebraten.“

Du riechst gar nichts“, sage ich lachend. „Nicht mal den Kaffee hier in der Konditorei. Du hast seit Jahren kein Riechvermögen mehr. Aber eine Schwachstelle hat ja jeder.“

Gespielte Empörung bei Mutter: „Und so etwas habe ich großgezogen.“

 

Eines weiß ich genau: Sie wird nicht so leicht aufgeben, sie war immer eine Kämpfernatur, selbst wenn ein Kampf aussichtslos schien. Auf ihrem Nachttisch steht bezeichnenderweise, in einen kleinen Rahmen gefasst, ein Spruch der deutschen Schriftstellerin Gisela Solms-Wildenfels.

 

Ich kann Dir nur

immer wieder zurufen:

Gib nicht auf!

Die Zeit

ist der Wunden

heilender Engel.

Was immer dich

an Schmerz trifft,

gib nicht auf.“

 

In dem Kampf um ihren Geist, der ihr nun bevorsteht, wird sie nicht die geringsten Chancen haben.

 

 

Oktober 2003: Patientenverfügung

 

Vater, der Pragmatiker. Erfreulicherweise ein sensibler. Er denkt haarscharf über Dinge nach, die er beachten muss, gefühlsmäßig dann doch gerne verdrängt, weil sie ihn bedrücken – bis er dann schließlich zu dem Schluss kommt: Es muss sein! Zum Beispiel eine Patientenverfügung und eine Vorsorgevollmacht. Für den Fall, dass man seinen Willen nicht mehr wirksam erklären und lebensverlängernde medizinische Maßnahmen verweigern kann. Wir reden darüber an einem grauen, regnerischen Oktobertag, der in seiner Tristesse verdammt genau zum Thema passt.

Du bist neunzig“, sage ich. „Und jetzt erst fällt dir das ein?“

Bisher ist doch alles gut gelaufen. Hurra, ich lebe noch. Mein Gedächtnis funktioniert hervorragend. Weshalb mir das jetzt durch den Kopf geht und auch keinen Aufschub duldet, daran ist deine Mutter schuld. Kannst du dir vorstellen, dass Mami oder ich eines Tages an irgendwelchen Schläuchen und sonstigen Apparaturen hängen und mühsam am Leben erhalten werden? Ich möchte das nicht. Und Mami sicher auch nicht. Du weißt ja, wie penibel sie ist, wenn es um die körperliche Sauberkeit geht. Ich kenne niemanden, der öfter und länger unter der Dusche steht als sie.“

Stimmt, Mutter ist mit ihren Dusch-Orgien für mindestens 70 Prozent des Wasserverbrauchs verantwortlich. Unter der Dusche: morgens natürlich, bei wärmeren Temperaturen auch gerne mittags, und abends vor dem Schlafengehen sowieso. Und nicht nur kurz abgeduscht, sondern richtig schön ausdauernd. Da wird eingeseift und abgewaschen und wieder eingeseift und so weiter und so fort. Nicht auszudenken, wenn sie an lebensverlängernden Apparaturen hängen würde und immer nur an das eine denken müsste: Wann kann ich endlich duschen?

Eine ähnliche, ja rigorose Affinität zum Duschen hatte übrigens auch Kurt Tucholsky: „Das schönste am Tag ist, wenn man morgens unter der Dusche steht und das Wasser von einem abperlt. Alles was danach kommt, taugt nicht mehr viel.“

Also eine Patientenverfügung. Das heißt: zwei, eine für Vater, eine für Mutter. Und zwei Vorsorgevollmachten. Nachdem wir beide in solchen Dingen völlig unerfahren sind, stellen Vater und ich unsere Überlegungen an.

Ich werde einen Anwalt konsultieren“, sagt Vater. „Der weiß doch, wie so etwas geht. Oder vielleicht frage ich einfach unseren jetzigen Arzt.“

Ich schlage Vater vor, dass ich uns zunächst erstmal im Internet Informationen dazu besorge. Gesagt, getan. Und so lande ich bei etwa 1,2 Millionen Ergebnissen. Übersichtlich ist das alles nicht. Die Bundesärztekammer etwa listet in bester deutsch-bürokratischer Manier verschiedene Musterformulare für elf westliche Bundesländer auf. Ersparen wir uns die Einzelheiten, in denen tausendfach erklärt wird, was eine Patientenverfügung und eine Vorsorgevollmacht eigentlich ist und wie man sie richtig ausfüllt und so weiter und so weiter. Nach langer Suche finde ich die recht einfache Version einer Patientenverfügung.

 

Für den Fall, dass ich, … (Name)

 

geboren am …

 

wohnhaft in: …

 

zur Bildung oder Äußerung meines Willens nicht mehr in der Lage bin, erkläre ich, dass ich im Falle irreversibler Bewusstlosigkeit, schwerer Dauerschädigung des Gehirns oder des dauernden Ausfalls lebenswichtiger Funktionen meines Körpers mit einer Reanimation und dem Einsatz intensivmedizinischer Behand-lungsmethoden nicht einverstanden bin.

 

Maßnahmen zur Pflegeerleichterung (z.B. Portsysteme zur Medikamentenein-nahme, Katheder oder Sonden) sollten nur getroffen werden, wenn sie mein Leiden nicht verlängern oder verschlimmern.

 

Für den Fall, dass durch ärztliche Maßnahmen lediglich eine Verlängerung des Sterbevorganges und/oder eine Verlängerung meines Leidens erreicht werden kann, verweigere ich diese hiermit ausdrücklich.

 

Ich wünsche mir einen menschenwürdigen Tod und bitte meine Ärzte, mir dabei zu helfen. Ich bin mit einer ärztlichen Maßnahme einverstanden, die mein Leiden und meine Schmerzen lindert und spreche mich eindeutig für eine intensive Schmerztherapie aus, auch wenn diese Medikation zu Bewusstseinsein-schränkungen oder zu meinem Tode führen sollte.

 

Sollten Diagnose und Prognose von (mindestens) zwei Fachärzten ergeben, dass meine Krankheit in absehbarer Zeit zum Tode führen und mir nach aller Voraus-sicht große Schmerzen bereiten wird, so wünsche ich keine weiteren diagnostischen Eingriffe und keine Verlängerung meines Lebens.

 

Über die medizinische Situation und die rechtliche Bedeutung einer solchen Erklärung habe ich mich ausführlich informiert und die Verfügung nach sorg-fältigster Überlegung erstellt. Ich gebe diese Erklärung frei und ohne Zwang, im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte ab. Darum wünsche ich nicht, dass mir in der konkreten Situation der Nichtentscheidungsfähigkeit eine Änderung meines Willens unterstellt wird, solange ich diesen nicht ausdrücklich (schriftlich oder nachweislich mündlich) widerrufen habe.

 

Ich habe zusätzlich zur Patientenverfügung eine Vorsorgevollmacht erteilt und den Inhalt dieser Patientenverfügung mit der von mir bevollmächtigen Person besprochen.

 

Bevollmächtigter: …

 

Anschrift: …

 

Telefon: …

 

Ich weiß, dass ich die Patientenverfügung jederzeit abändern oder insgesamt widerrufen kann.

 

Ort, Datum: … Unterschrift: …

 

Diese Version einer Patientenverfügung kann, nach Rücksprache mit Ärzten, Krankenkassen, Gerichten und Pflegern unbesorgt angenommen werden. Wobei es natürlich auch immer wieder auf die Unbesorgtheit von Ärzten, Krankenkassen, Gerichten und Pflegern ankommt. Mit anderen Worten: Es ist höchste Vorsicht geboten!

 

 

 

Dezember 2003: Die fette Blonde im Nachbarhaus

 

Es riecht im ganzen Haus nach Zimt und Lebkuchen und Glühwein. Weihnachten sitzt, außer bei Mutter, tief und fest in der Nase. Vater trinkt in der Vorweihnachtszeit – und die endet für ihn, wenn im März oder April der letzte Schnee verbrennt – den heißen, roten Stoff, als gäbe es keine Leber, die darauf allergisch reagieren könnte. Aber ich bin beruhigt, denn er hat mir in früheren Jah­ren einmal glaubwürdig versichert, dass seine leichte Fettleber durch einen Gendefekt von Seiten väterlicher Vorfahren ver­ursacht worden sei und er mir diesen Defekt offenbar vererbt habe. Ich glaubte von jeher gerne an diese Erklärung und gab sie später einmal, bei einem Check-up, an meinen Internisten weiter. Offenbar mit Erfolg – wenngleich ich auch sein sprödes Lächeln eventuell missverstanden haben könnte.

Vor kurzem, so erzählt mir Vater an diesem duftenden Zimt-Lebkuchen-Glühwein-Abend, habe er seinen Hausarzt gewechselt. Wie denn seine Trinkgewohnheiten seien, habe Dr. B. ihn bei einem Routinebesuch gefragt. Und Paps habe ebenso kompromisslos wie ehrlich geantwortet: Nun, am späten Vormittag zum Kochen – Paps war immer der Koch in der Familie – gerne ein Fläschchen Bier dem erhöhten Blutzucker zum Trotz, zum Essen ein Glas trockenen Weißwein, danach einen Digestif, abends dann ein oder zwei Gläser Rotwein („einen schönen Cabernet Sauvignon, man schläft hervorragend darauf“).

Dr. B., kurioserweise einer meiner Schulfreunde und eher im Lager der Blaukreuzler zuhau­se denn ein Anhänger der Gendefekt-Theorie, war offenbar entsetzt: „Das grenzt ja an Al­koholismus“, sagte er. „Sie hören sofort damit auf.“

Vater erzählt weiter, dass er den Doktor zunächst völlig verblüfft angesehen und versucht habe herauszufin­den, ob er das wirklich ernst meine. Und als er zum dem Schluss kam, dass dem wohl so sei, erhob er seine Stimme und sagte laut und deutlich: „Doktor, wissen Sie, wie alt ich bin? Sie wissen das, denn ich bin ja lange genug Ihr Patient. Sie wollen mir meine kleinen Genüsse verbieten? Mit neunzig?“

Und seine Stimme muss dann wohl ein wenig mehr an Gewicht gewonnen haben. „Ich las­se mir doch von Ihnen nicht meine Genussgläschen verbieten. Vor allem jetzt, in der Weihnachtszeit. Womit ich allerdings sofort aufhöre, sind meine Besuche als Patient bei Ihnen.“

Vater stand auf, schnappte sich seinen Gehstock und verließ erhobenen Hauptes die Praxis. Das Ende einer langen, für beide sicher oftmals anstrengenden Arzt-Patienten-Beziehung.

Wieder zu Hause, sagt Vater, habe er sich sofort einen doppelten Cognac eingeschenkt. „Du glaubst nicht, was es heute für Ärzte gibt. Ich trinke halt gerne einen guten Schluck, aber ich bin doch kein Alkoholiker. Mit Neunzig aufzuhören, das eine oder andere Gläschen zu genießen – das ist ja wohl das Letzte. Ich bin in meinem Alter vielleicht etwas gebrechlich geworden, aber keineswegs dämlich.“

Paps, hier posthum mein Dank dafür, dass Du mir – jedenfalls vorläufig – eine so wider­standsfähige Leber und diesen erfreulichen Gendefekt vererbt hast. Und versprochen: Soll­te ich jemals das neunzigste Lebensjahr erreichen, wird kein Arzt ein Sterbenswörtchen über meine Trinkgewohnheiten erfahren.

Doch wie das Schicksal so spielt: Ausgerechnet Dr. B., der einem Neunzigjährigen Alkoholis­mus beschied – nur weil der hin und wieder gerne einen guten Schluck genommen hat – und ihm noch wunderbare letzte Lebensgenüsse verbieten wollte, starb im Alter von 62 Jahren. Nur sieben Jahre nach Vater, der immerhin zweiundneunzig geworden war.

 

Wie gesagt: An diesem Dezemberabend des Jahres 2003 riecht es im ganzen Haus nach Zimt und Lebkuchen und Glühwein. Vater genießt den heißen, roten Stoff, als gäbe es keine Leber … aber das hatten wir schon.

Ich sitze bei Mutter in der Küche, habe das zweite Gläschen Cabernet Sauvignon vor mir und tue so, als gäbe es keine Leber … aber das hatten wir auch schon.

Vater hat es sich im Fernsehzimmer gemütlich gemacht und tut das, was man macht, wenn man es sich vor dem Fernseher gemütlich gemacht hat: schlafen. Das TV-Programm ist überhaupt eine geniale Einschlafhilfe für Menschen, die an Schlafstörungen leiden. Und es liefert sogar noch die benötigten Dosierungen: bei leichteren Schlafstörungen empfehlen sich jeweils fünfundvierzig Minuten von „Das perfekte Dinner“ oder „Promi Shopping Queen“, bei mittelschwerer Störung dreißig Minuten „Wetten dass ...“, bei schweren Schlafstörungen genügen fünf Minuten von „Das Wort zum Sonntag“. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Heidi Klum, Daniela Katzenberger oder diese Geißens. Derzeit sollen medizinische Versuche laufen, ausgewählte Doku-Soaps als alternative Narkosemittel einzusetzen.

 

Das alte Wiener Maderl versenkt die Hände fast bis zum Ellenbogen im Teig. Sie ist also, wie es heute korrekt heißt, voll im Teig – kleine Übertreibungen seien erlaubt. Mutter bereitet das zu, wofür ich sofort bereit wäre, eine Revolution anzuzetteln: Sie macht den besten Nuss- und Mohn­strudel der Welt, nach einem Rezept ihrer Mutter, meiner Großmutter, der Wiener Strudelweltmeisterin. Nur mit einem Nuss-Mohn-Strudel ist Weihnachten überhaupt denkbar. Es gehören allerdings auch noch Vanille-Gipferln dazu. Und eben Glühwein – oder jedenfalls das Ausgangsprodukt dafür.

 

Dein Vater hat eine Geliebte“, sagt Mutter unvermittelt.

Ich sehe ihr zu, wie sie den Teig hingebungsvoll knetet, bin mit meinen Gedanken gerade an der spanischen Costa del Sol, auf einem herrlichen Golfplatz, den ich in der Woche zuvor gespielt hatte und sage: „Vermutlich hast du recht.“

Womit habe ich recht?“, fragt sie wie beiläufig.

Nun ja, mit dem, was du gerade gesagt hast.“

Und was habe ich gesagt?“

Mutter kann so gnadenlos sein. „Vielleicht würdest du mir jetzt zuhören“, sagt sie leicht gereizt. „Also: Dein Vater hat eine Geliebte.“

 

Mein Vater hat eine Geliebte! Das kommt aber nun doch ein wenig überraschend. Mutter, mein Vater und dein Ehemann – ihr beide habt in Personalunion stolze neun Jahrzehnte auf dem Buckel. Ich bin sicher, dass er früher bei Gelegenheit von den Früchten in fremden Gärten genascht hat. Aber nun, in seinem Alter noch eine Geliebte?

Mutschgerl, du spinnst“, sage ich schmunzelnd. „Vater ist neunzig, glaubst du nicht, dass er sich da et­was schwer tut?“

Ich habe ihn ertappt. Bei den Rollos.“

Aha, bei den Rollos. „In flagranti?“ Ich versuche, mir das optisch vorzustellen: Vater mit einer Frau an den Rollos. Wie mag so etwas gehen?

Sie verständigen sich durch das Rauf- und Runterlassen der Rollos“, sagt Mutter und knetet dabei ungerührt weiter. „Es ist die fette Blonde aus dem Haus gegenüber. Rollo rauf heißt: Die Luft ist rein. Rollo runter: Vorsicht, meine Frau ist zu Hause.“

Mutter versucht mir also klar zu machen, dass Vater mit einer molligen Blonden aus dem Nach­barhaus über die elektrischen Rollos kommuniziert. Ich komme kurz ins Grübeln. Nein, Vater macht so etwas nicht. Oder vielleicht doch? Mutter hatte mir mal in einer stillen Stunde erzählt, dass in den früheren Jahren ihrer Ehe manchmal ein erhöhtes Toleranzpotenzial notwendig gewesen sei, um entweder nicht vor dem Scheidungsrichter oder dem Strafrichter zu landen.

Aber jetzt noch, mit neunzig? Und überhaupt: Eine dicke Blonde im Nachbarhaus habe ich noch nie gesehen. Gegenüber wohnt ein Rechtsanwalt, dessen Frau, eine wenig attraktive Rothaarige, unansehnlich dürr ist und mir bislang vor allem wegen ihres Storchenschritts aufgefallen war. Ehrlich gesagt: Eine eher etwas stämmige, hübsche Blonde hätte ich Vater eher gegönnt.

 

Mutter schiebt den Strudel in den Backofen, wäscht sich ausgiebig immer und immer wieder die Hände und trocknet sie, zunächst mit einem Papiertuch und danach mit einem Küchenhandtuch, immer und immer wieder ab. Dann setzt sie sich an den Tisch, legt die Hände übereinander und sieht mich ernst an.

Ich hasse deinen Vater“, sagt sie unvermittelt. „Manchmal wünsche ich mir, er wäre tot.“

In meinem Reporterleben, das mich zu verschiedensten Brennpunkten in aller Welt führte, habe ich ja nun viele spannende, manchmal heikle und sehr oft auch gefährliche Situationen erlebt – aber dass ich einmal hätte sagen können, in diesem und jenem Augenblick sei mir das Blut in den Adern gefroren: Nein, solche Momente gab es nicht. Sicher auch deshalb, weil ich im Laufe der Jahre durch die verschiedensten Situationen in meinem Berufsleben eine beträchtliche Abhärtung erfahren habe. Nun musste ich also ausgerechnet bis zu jenem aromatischen Zimt-Lebkuchen-Glühwein-Abend im Haus meiner Eltern warten, bis mir das einmal passierte.

Eine bis dahin extrem harmonische Familienwelt bricht da gerade zusammen. Ich sehe meine Mutter an und schaue, wenngleich das nun auch klischeehaft klingen mag, in zwei dunkle Punkte in einem mas­kenhaft starren Gesicht. Da ist eine totale Leere, nichts Vertrautes mehr. Als sähe man in das Gesicht eines wildfremden Menschen. Nichts, das einen an die sonst so liebevolle Mutter und Ehefrau erinnert. Ich muss plötzlich an das Gespräch denken, das wir im August in der kleinen Konditorei geführt haben – als Mutter mir von ihrer Angst vor Demenz erzählte.

Ich hasse ihn, ich wünschte, er wäre tot. Ich bin sicher: Das ist nicht Mutter, das ist irgend­ein seelenloses Wesen, das mir da gegenüber sitzt. Meine Mutter hat sich für Vater und auch für mich Zeit ihres Lebens in einer bedingungslosen Liebe aufgerieben. Ihr war es zu verdanken, dass Vater sich nach einer schweren Kriegsverletzung und – später, als Achtzigjähriger – nach einer komplizierten Bypass-Operation wieder erholte. Nein, das passt alles nicht zusammen.

Und Mutter setzt nach: „Wäre er tot, könnte ich endlich wieder in Ruhe und Frieden leben. Es gäbe dann nicht mehr diese ständigen Streitereien.“

Das meinst du jetzt aber nicht im Ernst, oder? Ihr liebt euch doch.“ Ich bin völlig geplättet. Natürlich haben sich die beiden in ihrer langen Ehe auch immer wieder teils heftige Gefechte geliefert, niemals jedoch ernsthaft mit Worten verletzt. Und sich vor allem immer wieder schnell versöhnt. Deshalb erlebte ich eine intakte Kindheit in einer glücklichen, harmonischen und sehr toleranten Elternbeziehung.

Das war mal“, sagt sie und lacht höhnisch auf. „Er liebt jetzt diese fette Blonde von ge­genüber.“ Dann wiederholt sie: „Die brauche noch nicht mal das Morse-Alphabet, die Rollos reichen schon für eine per­fekte Verständigung. Rollo rauf, die Alte ist aus dem Haus, die Luft ist rein.“

Meine Hände zittern, als ich mir noch ein Glas Rotwein einschenke. Was passiert hier ei­gentlich? Ich habe das Gefühl, in einem wirklich sehr schlechten Traum zu sein. Ist das tatsächlich meine Mutter, die sich hier wünscht, dass ihr Ehemann endlich tot wäre?

Und plötzlich das Erwachen aus einem furchtbaren Alptraum, als Vater in die Küche kommt. Es ist wie eine Erlösung, als er mit seiner sonoren Stimme fragt: „Na, hab' ich was versäumt?“

Ach, wir reden nur ein wenig“, sagt Mutter, „über dies und das und jenes und pipapo und trallala.“

Eine solche Formulierung habe ich bis dahin auch noch nie von ihr gehört. Sie steht auf, geht zu Vater und streicht ihm zärtlich über die Wange. „Der Fernsehschlaf ist der beste Schlaf. Das Nickerchen hat dir sicher gut getan.“

Mutter ist von einer Sekunde auf die andere wie umgewandelt. Ich beobachte sie genau, um herauszufinden, ob sie schauspie­lert. Aber sie ist keine Schauspielerin und das ist Mutter, wie ich sie kenne: zärtlich und fürsorglich und unfähig, Dinge von sich zu geben, wie ich sie gerade vor wenigen Minuten von ihr gehört habe. Es scheint, als habe sie alles, was sie eben sagte, einfach vergessen. Als wäre da einfach ein Schalter umgelegt worden.

 

Ich hasse ihn, ich wünschte, er wäre tot.“ Genau das ist der Moment, in dem ich erstmals begreife, dass bei Mutter tatsächlich etwas total aus dem Ruder läuft. Also doch die ersten Anzeichen von Demenz? Die ernüchternde Wahrheit erfahren Vater und ich nur wenig später.

 

(Teil 6 folgt … nach Lust und Laune)

 

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