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John's Score Card: Valspar Championship, 2. Turniertag

John Dalys ganz normaler Wahnsinn

 

Grip It & Rip It

 

Die Valspar Championship im Innisbrook Resort in Palm Harbor, Florida. Preisgeld: 6,7 Millionen US-Dollar. John Daly ist dabei, eine Einladung. Nach der ersten Runde, wenn sie nicht total versemmelt ist, kann man ja noch nicht allzu viel vorhersagen. Doch wenn man am zweiten Tag auf einem Par 4 eine 12 spielt – dann ist das Turnier gelaufen. John D. hat ja verschiedentlich schon hohe Scores gespielt. Etwa die 89 bei der British Open 2008 in Royal Birkdale. Mit dieser 12 schaffte er allerdings 90 Schläge und damit die schlechteste all seiner Runden in den letzten 20 Jahren. Aber irgendwie passt das alles zu seinem Leben.

Foto: BMW

John Daly, geboren am 28. April 1966 in Carmichael/Kalifornien, hat wie kein anderer Professional Farbe ins Spiel gebracht – und Skandale fast wie am Fließband produziert. Die spezielle Form seines undisziplinierten Lebens zeigte dem jetzt knapp 48-Jährigen allerdings nicht nur privat, sondern auch sportlich die Grenzen auf: Er gewann zwei Major-Turniere, tauchte jedoch niemals in den Top 10 der Weltrangliste auf.

Menschen lieben das Außergewöhnliche. Deshalb lieben sie auch heroische Chaoten, die ihr Leben an beiden Enden anzünden – und sich dabei oft selbst abfackeln. Doch weshalb liebt man solche Typen? Weil sie etwas vorleben, wozu dem Normalbürger der Mut fehlt? Weil für sie die Sonnen- und Schattenseiten zum ganz normalen Irrsinn des Lebens gehören? John Daly ist so ein Typ – der perfekte „Reisebegleiter“ in eine Welt, in der Genie und Wahnsinn eng und unkontrolliert beieinander liegen. Sein Motto: „Grip it and rip it.“ Nimm’ den Schläger und hau drauf.

 

Die Daly-Tour

Zuviel Alkohol, zu viele Zigaretten. Suchtfaktor 200 – von 100 möglichen Punkten. Und das alles viel zu früh. „Long John“, so genannt wegen seiner langen Abschläge, ist neunzehn, als er und Jack Daniels enge Freunde werden. Er trinkt Unmengen von dem Tennessee-Bourbon, zu Hause meist direkt aus der Flasche, in den Bars mit Diät-Cola, auf Parties und bei anderen Gelegenheiten auch Bier – und eigentlich alles, was besser ist als Spiritus. „Während meiner Collegezeit fand ich mich in ein paar Notaufnahmen wieder, wo mir der Magen ausgepumpt wurde“, schreibt John in seiner Biographie. Nicht nur in seiner Collegezeit. 1990 etwa, in der Nacht vor der Hogan Tour, wird er bewusstlos in eine Klinik eingeliefert. Am nächsten Tag spielt er zwei unter Par.

Als er 1988 erneut den Cut in der Qualifiying School versemmelt, beschließt er, auf die Sunshine Tour nach Südafrika zu gehen. Er spielt dort nicht schlecht, erlebt den einen und anderen Erfolg und zieht in den nächsten beiden Jahren auch die übliche, etwas andere Daly-Tour durch: Alkohol, Randale, demolierte Hotelzimmer, ein weiterer Aufenthalt in der Notaufnahme. In Südafrika ist er bald bekannt wie ein bunter Hund.

 

Erstes Major 1991: US Open

Erfolgreich überleben

Doch dann das Jahr 1991: John Daly ist 25, als er den Cut in der Q-School der PGA schafft und sich die Tourkarte holt und bei der Honda Classic als geteilter Vierter nur knapp seinen ersten Sieg auf der PGA Tour verpasst.

Etwas später im 91er Jahr blitzt dann das Genie auf: Er gewinnt sein erstes Major, die US PGA Championship. Während der Turnierrunden trinkt er Bier aus Pappbechern und raucht ohne Ende. Der Marlboro-Mann (pro Jahr zieht er etwa 17.000 Stück der Sorte Light in die Lunge) gewinnt danach zwei weitere Turniere, verpasst aber auch bei 90 Starts auf der PGA Tour dreißigmal den Cut, wird immer wieder mal disqualifiziert und von der Tour suspendiert, erhält diverse Geldstrafen. Und trinkt.

Und trotzdem lieben die Golffans diesen unberechenbaren Chaoten, der ihnen unaufhörlich zeigt, wie man in diesem Sport trotz einer eher ungewöhnlichen Einstellung und mangelnder Disziplin nicht nur überleben, sondern auch noch erfolgreich sein kann.

Zweites Major 1995: British Open

Zwei Jahre später, 1993, wird er geteilter Dritter in Augusta. Bei den US Open spielt er das 576 Meter lange 17. Loch mit zwei Schlägen. „Das machte Geschichte“, erinnert er sich. „Der Rest des Jahres war Scheiße.“

1995 teet er in St. Andrews bei den British Open auf. „Zu den British Open 1995 war ich ein Wrack“, gibt er später in seinem Buch zu. „Und trotzdem hatte ich irgendwie ein gutes Gefühl, was meine Chancen betraf.“

Das Gefühl hat ihn nicht getrogen: John Daly gewinnt sein zweites Major. Und von da an beginnt eine Berg- und Talfahrt, bei der es für Long John erneut nur eine Konstante gibt: die immer währende, nahezu lustvolle Bewunderung seiner unzähligen Fans.

Sieg BMW Int. Open 2001 in München (Foto: BMW)

So auch 2001, bei der BMW International Open. Da sind unter anderem Spieler wie Retief Goosen, Colin Montgomerie oder José Maria Olazábal und Bernhard Langer am Start – doch der erklärte Publikumsliebling ist vom ersten Tag an John Daly.

Stichwort Langer, der Gegenentwurf zu Daly: eine brave Golf-Ikone, keine Ausraster, keine Skandale, weder privat noch bei einem Turnier. Nach einem Sieg ein leicht gequältes Lächeln als Emotions-Highlight, dazu ein manchmal einschläferndes Statement. Das war’s. Im Grunde extrem erfolgreich, und doch langweilig. Für ehrgeizige und disziplinierte Golfer ist der tiefgläubige Bernhard Langer sicher ein großes sportliches Vorbild. Doch Daly ist anders, temporär ebenfalls erfolgreich, leider undiszipliniert – aber einer fürs Herz.

Im Vorfeld der BMW International Open wird er bei einem Interview gefragt, ob er schon in einem typischen Münchner Biergarten war. „Nein“, antwortet Daly grinsend, „ist auch besser so, denn sonst würde ich jetzt noch dort sitzen.“ Er gewinnt das Turnier mit einem bis dato einmaligen Rekordscore von –27.

 

Angefüllt (Foto: BMW)

Einfach authentisch

Doch was genau ist so faszinierend an einem Typ, dem der Bauch einen halben Meter über dem Hosengürtel herunterhängt? Fitness-Trainer wundern sich, mit welch lockerer Dynamik John Daly bei Turnieren 18 Löcher bewältigt, ohne auch nur eine Spur angestrengt zu wirken. Sollte man Jack Daniels, Diät-Cola und Marlboro Light auf die Liste verbotener Dopingsubstanzen setzen?

Was fasziniert an einem Typ, dessen Probleme mit Frauen einem Heer von Psychiatern finanziell einen sorglosen Lebensabend bescheren würden? Wie attraktiv ist jemand, der wie ein voller Aschenbecher riecht, bis zum Umfallen säuft, immer mal wieder mit dem Trinken aufhört und dann rund 15 Dosen Diät-Cola am Tag konsumiert? Welchen Grad der Seriosität besitzt jemand, der (nach eigenen Angaben) rund 50 Millionen Dollar in Kasinos verzockt hat und der irgndwann einen fatalen Hang zu schreiend bunten Golfklamotten an den Tag gelegt hat?

Bunt und gut abgespeckt (Foto: Birkeneder Press)

Was also bringt Menschen dazu, bei John D. verständnisvoll zu schmunzeln, wo sie bei anderen mit einem teuflischen Lächeln locker den Splint aus dem Fallbeil ziehen würden? Zwei Majors (und mehr) haben auch andere gewonnen. Das kann es also nicht sein. Ist es der undisziplinierte Rebell, der in ihm steckt? Ist es die Weigerung, sich in einer sozialen Gruppe (eben jener der Profi-Golfer) konform zu verhalten und sich jeder Norm zu widersetzen? Oder ist es schlichte Bewunderung für ein außergewöhnliches Talent, dem der Alkohol immer wieder einen Strich durch die Rechnung macht? Wenngleich: Mancher wird auch nur bewundert, weil er nicht verstanden wird. John Daly zu verstehen, ist relativ leicht: Er ist ja kein komplizierter Charakter, sondern einfach nur authentisch – der Junge von nebenan, der keine großen Worte macht und immer auf Messers Schneide lebt.

Vielleicht sind es auch die Schwächen, die Daly so offen zugibt und die ihn deshalb in den Augen vieler Fans sympathisch machen. Okay, wir alle saufen nicht wie er, rauchen nicht wie er, leben privat anders und meist auch glücklicher als er. Und trotzdem signalisiert er uns auf eine besondere Art: Ich bin einer von euch.

Alle, die ihn kennen – ob Kollegen auf der Tour oder andere Golfinsider – sagen, dass sie keinen großzügigeren und gutmütigeren Menschen kennen als John Daly. Das Enfant terrible des Golfsports ist ein feiner Kerl – nur nicht sich selbst gegenüber. Da zeigt er ein hohes Maß an selbstzerstörerischem Potenzial.

 

Schwächen und Stärken

Im US-Bundesstaat North Carolina steckt ihn die Polizei für eine Nacht in eine Ausnüchterungszelle. Er schlägt von Bierdosen ab und spielt (hallo Tin Cup) einmal eine 18 an einem Loch – nach sechs Bällen im Wasser. Bei einer Australien Open knallt er die Kamera eines aufdringlichen Zuschauers gegen einen Baum. Während der Austrian Open 2011 ärgert er sich über die Entscheidung eines Schiedsrichters und verabschiedet sich (ordentlich per Handschlag) noch mitten in der zweiten Runde von seinen Flightpartnern Jiménez und Martin Wiegele. Er spielt auch schon mal mit nacktem Oberkörper und barfuß, was sicher kein erhebender Anblick ist. Von der US Profi Tour wird er mehrfach suspendiert. 2011 steht er in der Weltrangliste auf Platz 543, hat keine Spielberechtigung auf der US PGA Tour. 2012 darf er auf Einladung eines Sponsors beim Commercialbank Qatar Masters in Doha an den Start gehen und wird alleiniger Vierter – vor Spielern wie Sergio Garcia, Martin Kaymer oder Lee Westwood. Der talentierte Mr. Daly! Sein derzeitiger Platz im World Ranking: 582 (Stand: 17. März 2014).

 

Lover and Loser

John D. ist einundzwanzig Jahre alt, als er im Sommer 1987 Dale Crafton, 24, heiratet. Eine langweilige Lapalien-Ehe in zu jungen Jahren. Scheidung im Februar 1990 – Daly ist da gerade in Südafrika und schlägt sein Hotelzimmer kurz und klein.

Die nächste Ehefrau: Betty Fulford. Für Daly ist es „ein Fall von Sex auf den ersten Blick“. Sie verschweigt ihm zunächst, dass sie noch verheiratet und bereits Ende 38 ist. Lügen, Trennungen, eine Menge Turbulenzen – und trotzdem die Heirat im Mai 1992. Tochter Shynah wird im Juni geboren. Im Dezember schlägt John Daly das gemeinsame Haus in Colorado kurz und klein. Sieben Monate später reicht er die Scheidung ein.

Und dann Paulette, 19, Heirat im Januar 1995 in Las Vegas. Sie ist zu diesem Zeitpunkt bereits schwanger, am 1. Juni kommt Tochter Sierra Lynn zur Welt. Wenig später gewinnt Daly mit der British Open sein zweites Major. Die Ehe geht den Bach runter – Scheidung 1999. Vermutlich schlägt Daly bei dieser Gelegenheit wieder irgendetwas kurz und klein.

Szene „Daly, Ehe“, die vierte: Am 29. Juli 2001 heiratet er Sherrie Miller, die er sieben Wochen zuvor bei einem Turnier kennen lernt. Sherrie hat bereits ein Kind aus einer früheren Ehe, mit Daly bekommt sie 2003 den Sohn John Patrick. Eine Weile Friede, Freude, Eierkuchen – und dann geht wieder alles von vorne los. Bei einem Streit im Juni 2007 attackiert Sherrie ihren Mann mit einem Steakmesser. Aber da gibt es auch noch andere gravierende Probleme: Sherrie wird, zusammen mit ihren Eltern, wegen bandenmäßiger Geldwäsche für einen Drogen- und Glücksspielring verurteilt und muss fünf Monate ins Gefängnis. Scheidung 2010.

Inzwischen hat JD wieder eine neue Freundin, die ihn vorbehaltlos akzeptiert und zu ihm steht – auch wenn er, beispielsweise in Augusta, nicht mehr als Spieler am Start ist, sondern um dort seine bunte Modekollektion zu präsentieren. Vor kurzem hat er eine Pizza-Kette initiiert. Die Werbesprüche kann man knicken: „Das ist eine Pizza von einem Golfer für Golfer“. Der schärfste Spruch: „Grip It and Eat It“. Doch die Leute lieben ihn immer noch. Und sie werden seine Pizza essen. Er hat eine Website gestartet: www.JohnDalyPizza.com.

Na denn, wenn's John dient. Wir drücken ihm auf alle Fälle die Daumen.

 

Am Ende seines sehr offenen Buches schreibt Daly: „Und bei meinen Bemühungen begleitet mich ein Rat, den mir meine Mutter vor langer Zeit gegeben hat: Champions come from the heart.“ Champion wird man mit dem Herzen. Das hat er zweifellos. Was er nicht beherzigte: Um Champion zu bleiben, braucht man Disziplin. Und die hatte er leider nicht.

 

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